Alltag


Es scheint bitterer Alltag zu sein, sonst kann ich es mir nicht erklären.

Ich sitze in meinem Auto auf einem Parkplatz und warte auf meinen Mann, der beim Arzt ist. Ich lese. Remarque:„ Der Weg zurück“.

„Wer aus dem Paradiese einmal ausgestoßen ist, kann nie zurück.“ Dieser Satz ergreift mich. Ich halte inne. Das mache ich immer, wenn mich Sätze, Inhalte und Gedanken inspirieren.

Noch in meinen Gedanken und Fragen ruhend, sehe ich, wie eine ältere Damen die Auffahrt hinaufkommt. Von hinten kommt ein schwarzes Auto, dessen Marke ich nicht benennen kann, auf sie zugedonnert. Der Fahrer scheint es sehr eilig zu haben und drückt voller Ungeduld auf die Hupe. Die ältere Frau springt erschrocken zur Seite. Das Auto dröhnt an ihr vorbei, und parkt dann direkt neben mir. Die Tür fliegt auf und eine junge Frau mit langen schwarzen Haaren, etwas dunklerer Haut und entsetzlich aufgedunsenen Lippen, die sie einer Korrektur an ihrer Schönheit zu verdanken hat, springt aus dem Auto. Dann reißt sie die Hintertür ihres Wagens auf und zerrt ihre beiden kleinen Kinder raus. Vielleicht schimpft sie auch mit ihnen, aber das kann ich nicht genau hören. Doch man kann ja bekanntlich auch mit der Körpersprache viel Unheil anrichten. Worte sind meistens nur Beiwerk. Selten genug Schmückendes.

„Sind Sie denn vollkommen verrückt?“ höre ich plötzlich die ältere Dame laut kreischen, während sie mit ihren Armen wild um sich wedelt.

„Ach, komm, halts Maul und geh´weiter!“ kommt prompt die Antwort. Die aufgedunsenen Lippen sind nicht ganz ohne!

„Typisch Ausländer!“ schreit die ältere Dame darauf der jungen Frau mit den beiden kleinen Jungs entgegen.

Die korrigierten Lippen aber schießen jetzt schnell und vernichtend zurück:

„Du scheiß Nazi, hau doch endlich ab!“

Und wieder! Und wieder muss ich meinen Kopf einziehen, denn ich fühle mich getroffen! Und zwar von beiden. War es nicht erst vor drei Wochen, als ich ungewollt Zeuge einer ähnlichen Auseinandersetzung wurde?

Es scheint bitterer Alltag sein. Anders kann ich mir diese Häufigkeit nicht erklären. An einen Zufall glaube ich nicht. Vielleicht sollte ich aber.

Ich sehe noch, wie die junge Frau von ihrer eigenen Wut zerfahren ihre Tasche fallen lässt. Schnell bückt sie sich, und hebt sie auf. Die beiden kleinen Jungs tippeln neben ihr und wissen gar nicht so recht, warum ihre Mutter gerade so zerfällt.

Nervös packt sie die beiden verängstigen Jungs an ihren Schultern und scharrt sie zur Eingangstür der Praxis hinein.

Ich sitze regungslos im Auto und starre noch immer auf die leere Auffahrt wie auf eine Bühne, deren Bretter gerade noch eine Tragödie austrugen.

Wann? Wann hören wir endlich damit auf? Wann hören wir endlich damit auf uns gegenseitig zu stigmatisieren? Oder ist das zu einfach gedacht und gefragt? Was, wenn wir Menschen gar nicht oder gar nicht mehr in der Lage sind, vorurteilsfrei zu sein? Was, wenn wir in Wahrheit immer ausgrenzen, was nicht zu uns gehört? Was, wenn es eigentlich unser Instinkt ist, der in solchen Fällen das Zepter in die Hand nimmt und bestimmt? Kann das ausgrenzende Empfinden überhaupt ein Ende finden? Welche Macht hat darüber unser Denken?

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