Das Gemeimnis der Türrahmen


Ordnung und Sauberkeit ist wichtig. Sagt man.

Hygiene wird groß geschrieben. Sieht man. Überall.

Auch im Krankenhaus.

Denn wer schon einmal in einem Krankenhaus war, der weiß, wie emsig die Reinigungskräfte putzen.

Die Bilderrahmen. Von oben. Von unten. Von innen.

Die Fensterbänke präzise und rein.

Auf dem Boden bildet sich vor lauter Sorgfalt ein kleiner See. Viel Wasser kann nicht schaden. Denkt man.

Die Mülleimer werden entleert. Fein. Ist ja auch mal gut.

In die Toilette wird reichlich Reinigungsmittel geschüttet. Vielleicht desinfiziert? Vielleicht. Wer weiß?

Das war´s.

So fühlt man sich, sobald die zart besaitete Reinigungskraft das Zimmer still verlässt, rundum wohl. Wirklich.

In diesen Tagen hatte ich das große Glück, einmal das bunte Treiben der Reinigungskräfte auf der Notaufnahme zu beobachten. Denn man hat dort, das ist kein Geheimnis, alle Zeit der Welt. Sogar mehrere Stunden.

Vom meinem Platz aus konnte ich direkt auf die Toilettentüren schauen.

Es ist, zweifelsohne, eines der am häufigsten genutzten Türen überhaupt.

Und wenn man lange genug wartet, kommt auch hier, früher oder später, die Reinigungskraft.

Ich weiß nicht genau, ob es früher oder später war, doch sie kam.

Die Frau mit dem Lappen in der Hand.

Nun wurde ich aufmerksam. Was wird sie wohl tun?

Bilderrahmen gibt es hier keine. Auch keine Fensterbänke.

Aber -Türrahmen sehr wohl. Und genau diese wurden auch gereinigt. Und zwar oben. Also, die obere Kante.

Das war´s. Damit schlenderte sie weiter. Sie hat ihre Arbeit getan. Die Türrahmen waren oben sauber.

Nun überkamen mich plötzlich Zweifel. Kann es sein, dass nur ich die Klinke zum Öffnen einer Tür nutze? Ich beschloss das Verhalten der anderen zu beobachten. Denn immerhin kann es ja durchaus sein, das die anderen den Türrahmen, und davon nur den oberen Teil, bevorzugen. Zum Öffnen einer Tür. Wer weiß?

Gespannt wartete ich auf die ersten Opfer.

Was werden sie wohl tun?

Sie kamen. Und sie nutzten. Aber die Klinke. Also doch!

Damit war ich wenigstens meine Zweifel los. Gott sei Dank gehöre ich doch zur breiten Masse.

Aber warum wurden die Türrahmen oben gesäubert? Fragte ich mich immer wieder.

Ich habe mich, ich muss dem Leser offen gestehen, in diese Frage vollkommen verrannt.

So sehr, dass ich meinen Namen, als man ihn endlich rief, fast überhörte.

Schnell vergaß ich nun die Türrahmen und ihr geheimes Leben.

Aber nur bis heute.

Denn nun frage ich mich erneut: warum die Türrahmen? Und, warum nur von oben?

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