Der alte Mann und die Pfützen


Heute war ich ausnahmsweise mal nicht allein in meinem Park gleich nebenan. Ich hatte eine Verabredung mit einem Mann, der sich vor ungefähr einer Woche plötzlich neben mich auf meine Bank gesetzt hatte und ein Gespräch mit mir anfing. Es passiert nicht oft, dass sich jemand neben mich setzt, doch dieser Mann tat es und erzählte mir so Einiges aus seinem Leben. Er erzählte unter anderem, dass er Wanderprediger sei und sich derzeit sehr intensiv mit der Frage „Soll ich meines Bruders Hüter sein?“ auseinandersetzte. Und da mich Menschen, die sich intensiv mit einer Frage beschäftigen immer sehr interessieren, beschloss ich, mich mit ihm zu treffen.
So trafen wir uns dann heute Morgen zu einem Spaziergang durch den Park. Das Wetter war kalt und feucht. Es hatte die ganze Nacht geregnet, so dass alle Wege im Park nass waren, übersät mit großen und weniger großen Pfützen.
Wir liefen los, und der Mann begann sogleich zu reden. Er sprach und sprach. Und während er sich begeistert über sein Thema: „Soll ich meines Bruder Hüter sein?“ ausließ, plagte ich mich mit den Pfützen ab, die sich irgendwie alle auf meiner Seite des Weges zu versammeln schienen. Ich fühlte mich schon ein wenig verlegen, sind doch die Wege im Park sehr eng. Und wenn ich diesem Mann zuhören, ihm gegenüber nicht unhöflich sein wollte, hatte ich keine andere Wahl, als direkt neben ihm durch die Pfützen zu gehen.
Nach einigen angestrengten Minuten gab ich meinen verzweifelten Kampf gegen die Pfützen auf. Ich hatte mich mit meinem Schicksal abgefunden und platschte von nun an in jede Pfütze hinein, den wichtigen Worten dieses Mannes lauschend. „Alles ist Liebe!“, flötete er feierlich verhalten „Es gibt nichts wichtigeres als die Liebe zu unseren Mitmenschen.“ Platsch!
„Jeder von uns muss lernen den anderen zu lieben, muss lernen seines Bruders Hüter zu sein!“
Platsch!
„Es gibt nichts Wichtigeres! Verstehen Sie? Wir müssen uns gegenseitig sehen!“ Platsch!
„Wer hilft denn heute noch den anderen?“, rief er plötzlich mit harter Stimme. „Es leiden so viele Menschen und keiner schaut hin! Alle sind sie nur mit sich selbst beschäftigt. Alle rennen sie dem Geld hinterher! Alle reden sie von Selbstverwirklichung, von Individualismus! ‚Ich, Ich, Ich‘, so tönt es aus allen Ecken! Und wo bleibt dabei der Andere? Wo unsere Mitmenschen, unser Bruder? Was ist nur aus den Menschen geworden?“ Platsch!
„Verstehen Sie, was ich ihnen sagen will? Wir achten uns gegenseitig nicht mehr! Alle schreien sie: Das ist mein gutes Recht! Dies ist mein gutes Recht! Wissen Sie, ich bin nicht so. Ich kann keinen Menschen leiden sehen! Ich helfe, wo ich nur kann! Ach, was soll nur aus uns Menschen werden?“ Platsch!
An dieser Stelle, noch bevor sein Wortschwall mich in die nächste Pfütze hätte treiben können, blieb ich stehen und sagte so ruhig ich nur konnte: „Mein Herr, ich kann ihren Eifer sehr gut verstehen. Doch nun, wenn Sie mich bitte entschuldigen würden, wäre ich Ihnen sehr verbunden, wenn ich jetzt nach Hause gehen dürfte um dort meine klitschnassen Füße aus meinen Schuhen zu befreien.“

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