Der richtige Zeitpunkt


„Eigentlich wollte ich nicht so langen zu Hause im Haus bleiben. Es war doch viel zu groß für mich. Ich dachte immer, wenn ich merke, dass ich nicht mehr kann, werde ich mir einen Platz in einem Heim suchen. Das hatte ich wirklich fest vor. Doch dann vergingen die Jahre und ich dachte immer, es sei doch noch alles recht gut. Zwar hat alles viel länger gedauert als früher. Schmerzen hatte ich auch, aber es ging doch noch. Ich hätte es merken müssen, aber ich glaube, ich wollte die Wahrheit nicht sehen. Ich wollte nicht sehen, dass ich Abschied nehmen muss. Ich habe es auf die lange Bank geschoben und gedacht, es sei noch nicht so weit. Noch nicht. Noch muss ich nicht ins Heim. Ich habe einfach den richtigen Zeitpunkt verpasst.“

Sie schweigt.

Überlegt.

„Und dann bin ich eines Tages die Kellertreppe runtergestürzt. Ich weiß nicht, warum und weshalb das geschah, doch plötzlich lag ich unten und konnte mich nicht mehr bewegen. Ich wollte aufstehen und konnte nicht. Wäre meine Tochter an dem Tag nicht zu mir gekommen, dann weiß ich wirklich nicht, wie lange ich im dunklen Keller gelegen hätte.“

Sie schweigt.

Lange.

Ich auch.

„Und nun bin ich hier. Erst drei Monate Krankenhaus und dann haben sie mich gleich hierher gebracht. Ohne Abschied, ohne nichts. Ich werde meinen Garten nie wieder sehen…“

Frau Jansen weint.

„Dabei wollte ich doch rechtzeitig das Haus verlassen. Ich hatte es mir doch so fest vorgenommen! Aber ich habe den Zeitpunkt verpasst, verstehen sie? Einfach verpasst.“

Ich nicke und frage mich:

Wann ist eigentlich der richtige Zeitpunkt?

 

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