Der Tod


Heute ist Sonntag. Totensonntag. Aus diesem Anlass und Grund die folgenden Zeilen.

„Ich stehe an einem Bett.
Ich stehe an einem Bett in einem Seniorenheim.
Sie schläft. Ich stehe bei ihr und warte. Ich beobachte.
Wie immer.
Zierlich ist sie geworden. Abgemagert. Ihre Perücke trägt sie
nun nicht mehr. Endlich sehe ich sie so, wie sie unter der immer
viel zu schiefen Kopfverkleidung aussah. Sie hat keine Haare
mehr. Die Wege des Lebens, ihre Adern schimmern durch die
feine Kopfhaut.
Seltsam still ist es hier im Zimmer. Alles schweigt und wartet.
Ihr Fenster ist geöffnet. Ein sanfter Windhauch wagt sich in
das Zimmer.
Weit entfernt höre ich Kinderstimmen. Sie lachen. Sind fröhlich.
Das Leben?
Sie spürt meine Anwesenheit, denn sie öffnet ihre Augen. Sie
schaut mich an und lächelt.
Sie greift nach meiner Hand und hält sie fest. Sie streichelt mich.
„Es ist sehr schwer“, haucht sie mit verklebtem Mund.
„Was ist sehr schwer, Frau Weinert?“
„Loslassen.“
Ich schweige. Warte.
„Es wird schön.“ Ihre Stimme versagt. Doch ich verstehe sie.
„Was wird schön, Frau Weinert?“
„Sterben.“
„Woher wissen Sie das?“
„Ich fühle es.“
Sie lächelt mich an.
Sie ist schön.
Unbeschreiblich schön.
Einen Tag später verstarb sie.“

Leave a comment

Ihre E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.