Es weihnachtet sehr


Das Leben als Bäckereifachverkäuferin hat neben seiner einen Seite auch eine andere.

Man kommt mit vielen Menschen ins Gespräch.

Zwar nur kurz, aber man redet. Nicht mit allen, aber mit einigen. Und das sind nicht wenige.

Die Menschen sind erstaunlich redselig.

So erfährt man ohne danach gefragt zu haben, wann und wo sie in den Urlaub fahren, wann sie zum Arzt müssen, was sie das Wochenende machen, was die Kinder wieder angestellt haben, was sie kochen wollen, welche OP´s auf sie noch warten, wie viele Gäste zum Kaffeetrinken kommen. Kurz: die Menschen erzählen viel und gerne. Über sich und ihr Leben.

Und jetzt kommt auch noch die sentimentale Weihnachtszeit.

Die Kunden kaufen fleißig Stollen, Berliner in seinen unterschiedlichsten Variationen, Kekse und alles, was zum süßlichen Weihnachtsgesänge passt.

Doch mir scheint, all die feinen und süßen Freuden werden von einem bitteren Geschmack verdorben. Und zwar von der aufdringlichen, die güldene Romantik dieser heiligen Zeit komplett zerstörenden Frage:„…wo ist das Jahr nur geblieben?“.

Ganz offensichtlich stellt sich und auch mir, der Verkäuferin fast jeder diese Frage.

Da ich auch nicht so recht weiß, wo mein Jahr hin ist, antworte ist dann meistens, ich muss gestehen nicht sonderlich klug:

„Tja, die Zeit vergeht schnell.“

Die Antwort darauf kann sich jeder denken.

Hier, an diesem Punkt, endet meistens das peinliche Gespräch über das verlorene Jahr.

Aber ich bin mir sicher, dass viele von dieser teuflischen Frage auf Schritt und Tritt verfolgt werden. Ich natürlich auch. Warum auch nicht?

So versuche ich mit aller Kraft mein Jahr zu sammeln. Versuche die schönen Momente, die irgendwo in der Wüste zerstreut herumliegen, zu bündeln, versuche Fortschritte und Rückschläge zu horten. Und all dies in der, vielleicht naiven, Hoffnung auf diese Art und Weise mein Jahr greifbar zu machen und nicht das Gefühl haben zu müssen: Weihnachten war doch erst gestern!

Natürlich könnte ich jetzt weiterdenken. Natürlich. Ich könnte mich zum Beispiel fragen: wenn ein Jahr so schnell vergeht und es mir jetzt schon so schwer fällt dieses zu fassen, was geschieht dann am Ende meines Lebens?

Aber ich könnte auch Sie, lieber Leser, fragen: Wo ist Ihr Jahr geblieben?

Oder-haben Sie nicht das Gefühl, dass Weihnachten erst gestern war?

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