Feuer!


„Was riecht hier so komisch?“

Meine Nase wittert Feuer.

„Es riecht nach Feuer. Kann das sein?“, frage ich zaghaft.

Die Betreuerin bleibt ruhig. Ihr Nase scheint noch zu schlafen. Kein Wunder. Feuer ist schier unvorstellbar. Hier in einem Heim für alte Menschen.

„Feuer? Ich riech´nichts.“, sagt sie endlich.

Unruhig rutsche ich auf meinem Stuhl hin und her. Warum reicht sie das nicht?

„Feuer!“, höre ich plötzlich den einen Pfleger laut rufen!

Eilig rennen wir alle in das Zimmer, aus dem der Qualm kommt.

Frau Müller sitzt in ihrem Rollstuhl auf ihrem Balkon. Sie ist Raucherin und sie darf rauchen. Nur unter Aufsicht. Doch wo ist diese?

Neben ihr auf dem Boden brennt etwas. Ein Papiertaschentuch?

„Was ist das?“, frage ich erstaunt.

„Das ist ihr Frühstück, dass sie heute morgen in die Serviette gespuckt hat. Nun wollte sie es verbrennen.“

Der Pfleger bleibt ganz ruhig. Er hat alles im Griff.

„Ihr Frühstück in die Serviette gespuckt?“, frage ich erstaunt.

„Ja, sie will nicht mehr essen. Sie zerkaut es zwar, aber dann spuckt sie alles heimlich in die Serviette und wenn wir nicht aufpassen, dann versteckt sie diese überall…heute hat sie versucht, die Reste zu verbrennen.“

„Sie will nicht mehr leben.“Sage ich lakonisch.

„Nein, sie will nicht mehr. Sie will sterben. Doch wir können das nicht zulassen.“

„Ja, aber ihr könnt sie doch nicht zum essen zwingen?“

„Nein, können wir nicht, aber wir müssen immer genau dokumentieren, wer wie viel isst. Und wenn jemand nichts essen will, dann müssen wir sie eben zwingen, weil wir nicht eintragen können, dass jemand nichts gegessen hat.“

„Aber ihr seht doch, dass sie nicht mehr will.“ sage ich etwas energischer.

„Ja, aber wir können nichts machen. Der Arzt und die Tochter müssen entscheiden und die Tochter will, dass wir ihre Mutter zwingen oder wenn es nicht anderes geht, dann kommt Frau Müller eben ins Krankenhaus und es wird ihr eine Sonde gelegt.“

„Ja, und dann?“

„Dann lebt sie eben noch weiter.“

„Das geht doch nicht! Sie will nicht mehr leben. Das kann nicht sein.“ , rufe ich entsetzt.

„Doch, das ist aber so.“

„Nein!“, ruft Frau Müller plötzlich energisch.

„Nein!“

Frau Müller rutsch in ihrem Rollstuhl hin und her. Ihr ganzer Körper kämpft. Sie will aufstehen.

„Nein!“, schreit sie.

„Frau Müller…“

„Nein!“

„Frau Müller, beruhigen sie sich!“ Der Pfleger drückt Frau Müller in ihren Rollstuhl. Sie soll sich nicht bewegen.

„Frau Müller!“

„Nein!“ brüllt sie aus voller Seele und ihre Bitterkeit sucht sich einen Weg ins freie.

Sie beginnt zu schluchzen.

Leise sagt sie nur noch:

„Nein.“

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