Gedanken zum neuen Jahr


Das Leben beschenkt uns oft.

Mit ganz besonderen Momenten.

Mit Momenten, in denen die Last vieler Jahre verständlich wird.

Mit Momenten, in denen die vielen Zweifel, Ängste und Nöte plötzlich eine ganz besondere Leichtigkeit erhalten.

Es ist das Ergebnis einer Verwandlung.

Von einer kriechenden Raupe zu einem flatternden Schmetterling.

Die Geburtsstunde des Schmetterlings nennen wir dann Glückseligkeit. Oder Erfüllung.

Gestern hatten wir den 31.12.2020.

Es war der letzte Tag eines sehr eigenwilligen Jahres. Eine Krankheit thront und regiert mit ihrer wählerischen Hand über unser aller Leben. Die Folgen: wir alle sitzen mehr oder weniger im Kerker.

Gestern hatten wir den 31.12.2020.

Nach langer Zeit durfte ich wieder singen. Menschen unterhalten.

Menschen die alt und in Heimen sind. Menschen die in diesem Jahr besonders leiden mussten. Man wollte sie schützen, so sperrte man sie ein und weg.

 

Ich stehe in einem großen Speisesaal. Die Tische sind dekoriert. Mit Girlanden, mit bunten Papierhütchen und kleinen Knallbonbons.

Die Menschen warten. Was werden sie für Musik hören? Was kommt auf sie zu?

Wir beginnen zu singen. Sofort wird mitgesungen. Augen, die mich vorher müd´anschauten, bekommen einen Glanz. Die Wangen füllen sich mit Leben.

Ein altes Ehepaar betritt den Saal. Er grüßt uns freundlich. Sie lächelt. Sie tippelt unsicher an seiner Seite. Vorsichtig begleitet er sie zum Tisch. Sie möchten sich setzen, doch die Musik ist zu mitreisend. Ihre unsicheren Beine hören die Musik. Sie wollen tanzen. Er reagiert sofort. Nimmt sie zärtlich in den Arm und führt sie behutsam. Die Tanzschritte sind nur noch Schatten ihrer selbst. Er schaut sie an. Streichelt sie. Gibt ihr einen Kuss auf die Wangen. Sie lächelt zurück. Still. Ihr Blick und ihr Lächeln sagen: Ich liebe Dich!

Ich singe aber mein Blick haftet auf diesem Wunder. Ich bin zutiefst ergriffen.

Unsere Zeit läuft langsam ab. Wir müssen weiter. Eine Etage höher. Dort warten die nächsten auf uns.

Das Wunder begleitet mich. Es beschäftigt mich. Es wühlt in meinem Leben. Es sucht einen ganz besonderen Lebensabschnitt. Es sind die Jahre des Suchens. Es sind die Jahre des Zweifelns. Es sind die hageren Jahre. Jahre in denen ich nur eines wusste: es muss einen Weg jenseits der gut betonierten, glatten und breiten Straße geben. Es sind die Jahre der ersten Schritte auf meinem Weg. Es sind die Jahre, die mehr Leid als Glück brachten. Doch das Wunder nimmt diesen Jahren die Last. Dankbarkeit durchströmt mich. All die Jahre, all mein Suchen, all mein Zweifeln hatten plötzlich einen Sinn. Schlagartig begreife ich: ich habe den schönsten Beruf, den ich je haben konnte. Dafür hat sich jede Entbehrung gelohnt.

Nein, ich bin nicht berühmt und auch nicht reich an Geld. Mit Durchschnittsmassen gesehen bin ich sogar arm und ziemlich erfolglos. Ich singe nur in Altenheimen für alte Menschen.

Aber genau darüber und deswegen bin ich glücklich.

Und unendlich dankbar.

In dieser Klarheit ist mir dieser Gedanke neu. Der letzte Tag des Jahres hat mich reich beschenkt.

Ich wünsche allen einen erfülltes Jahr 2021.

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