Gespalten


Es ist Montag Nachmittag.

Ich sitze in einem Kreis.

Im Heim für alte Menschen.

Es ist der Nachmittag des gemeinsamen Singens. Mit den Kindern aus der Grundschule.

Um mich herum toben Kinder. Alles Mädchen. Und ein Junge. Die Eltern der meisten Kinder stammen nicht aus Deutschland. Die des Jungen auch nicht.

Die Aufregung der Kinder ist groß, denn sie dürfen ein Lied auf der Bühne, die sich im großen Saal des Heimes befindet, singen. Das Lied gibt die Möglichkeit einer Rollenverteilung, eines Dialogs zwischen Mädchen und Jungen. Einige Mädchen entscheiden sich den einen Jungen zu unterstützen. Damit er nicht so allein ist.

Nach langem hin und her auf der Bühne hat endlich jeder seinen Platz gefunden. Der Junge auch. Er stellt sich genau in die Mitte und bleibt da breitbeinig stehen. Um ihn herum alle Mädchen.

Die Bewohner des Heimes sitzen ruhig auf ihren Stühlen. Ihre Augen begleiten freudig das turbulente, aufgeregte Treiben der Kinder.

„Sam, warum stehst Du da in der Mitte?“, frage ich den Jungen. „Du musst auf die andere Seite, wo die anderen „Jungs“ stehen.“

„Nein,“, antwortet Sam breit grinsend „Der Mann muss immer in der Mitte stehen!“

„Nein! Eigentlich muss die Frau in der Mitte stehen!“, antwortet eine Bewohnerin des Hauses.

Ich schaue zu Sam. Er ist offensichtlich verunsichert. Sein Lächeln verliert an Herrschkraft. Trotzdem bleibt Sam stehen.Im Zentrum. Mit den Mädchen um sich herum.

Die Kinder singen das lustige Lied von der Luise und dem August.

Ich lausche ihren, vom Glanz des Lebens gefüllten, reinen Stimmen.

Gleichzeitig lässt mich aber Sam´s Verunsicherung keine Ruhe.

Ich frage mich, wie es wohl in einem solchen Kind aussehen mag. In einem Kind, das zu Hause ganz andere Normen und Sitten als sein eigen nennen soll.

In einem Kind, das ein Doppelleben führen muss. Wenn es in seiner, von fremder Hand und Ideologien gespaltenen Welt überleben will.

 

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