Hoffnung


Oft weiß ich nicht so genau, warum ich gewisse Dinge nicht tue.

So weiß ich auch keine eindeutige Antwort auf die Frage, warum ich denn in den letzten Monaten die Finger von meinem Buch „Heimgeschichten“ ließ.

Ich weiß es nicht. Fakt ist aber, dass ich es tat.

Ich drehte ihm den Rücken zu.

Bis vorgestern.

Denn da erhielt ich einen Brief. Von einer Frau.

Schon auf dem Kuvert stand geschrieben:

„Danke, dass Sie das Thema des Abseits vieler „älteren Menschen“ mutig ansprechen. Ich empfehle es weiter!“

Meine erste Reaktion war natürlich Erleichterung und Freude.

Denn endlich hat jemand mal das Buch gelesen! Endlich werde ich für die Geschichten nicht angeklagt.

Meine zweite Reaktion aber war Trauer. Trauer darüber, dass ich dem Buch gegenüber so untreu bin.

Nun plage ich mich seit zwei Tagen mit der Frage nach dem Warum.

Es muss doch Gründe geben.

Ist es vielleicht die Tatsache, dass meine Ohren die ewigen Vorwürfe nicht mehr hören können.

Dass mein Mund nicht mehr antworten will?

Immer wieder höre ich: „Das Buch ist zu negativ!“

Immer wieder sage ich: „Du kannst das Buch nach der ersten Zeile schließen, aber Tausende leben in dieser Tristesse, die Du kaum eine Minute lang aushältst.“

Immer wieder höre ich: „Die alten Menschen sind nicht im Abseits.“

Immer wieder sage ich: „Sehr viele, wenn nicht sogar die meisten fühlen sich aber dort!“

Natürlich schäme ich mich für meine geringe Ausdauer.

Gern würde ich kämpfen.

Aber wie soll ich gegen eine herrschende Philosophie kämpfen. Wie soll ich gegen unsere Angst vor dem Leben ankämpfen? Das ist sie doch, diese Angst! Die herrscht. Bestimmt und entstellt.

Die Angst vor dem Leben.

Getrieben von dem Wunsch nach dem ewigen Leben.

Ich weiß es einfach nicht.

Der Brief steht jetzt auf meinem Tisch sodass ich ihn immer sehen, die Zeilen lesen kann. Ich weiß, warum ich ihn dorthin gestellt habe. Ich möchte wieder hoffen können.

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