Hurtigruten


„Guten Tag, Frau Blume, ich war gerade hier und da dachte ich
mir, ich schau mal bei Ihnen vorbei. Kann ich Ihnen irgendwie
behilflich sein?“
Frau Blume sitzt in einem Rollstuhl. Im Hintergrund läuft
der Fernseher.
„Oh, Frau Blume, geht es Ihnen heute nicht so gut? Sie sehen
so traurig aus?“
Frau Blume hat vor knapp einem Jahr ihren Mann verloren.
Er verstarb plötzlich. Das Herz wollte seinem Leben keinen
Rhythmus mehr geben.
„Nein, nein, es ist alles in Ordnung.“
Sie verschont mich. Sie spürt meine Eile.
„Sicher?“
„Ja.“
Ich glaube ihr nicht. Ich sehe ihre Trauer. Doch ich muss weiter.
„Gut, dann geh ich wieder. Ich komme morgen wieder vorbei,
vielleicht haben Sie dann etwas für mich. Tschüss!“
Ich eile zur Tür, im Kopf schon der nächste Bewohner des
Hauses.
„Das wollten wir auch immer.“
Ich bleibe stehen. Ich verstehe sie nicht.
„Was wollten Sie immer, Frau Blume?“
„Den ganzen Tag erzählen sie heute im Fernsehen etwas über
die Hurtigrouten. Das sollte unsere letzte Reise werden. Diese
Reise wollten wir noch unbedingt erleben. Doch immer haben
wir es auf das nächste Jahr verschoben. Immer. Und nun? Und
nun gibt es kein nächstes Jahr mehr für uns. Warum haben wir
es nicht sofort gemacht? Warum haben wir so lange gewartet?
Nun bin ich allein, weil er einfach gegangen ist. Einfach so!
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Verstehen Sie? Er hat mich einfach hiergelassen! Das verzeih
ich dem Burschen nie!“
Die Wahrheit duldet kein Theater mehr. Sie beginnt laut zu
weinen.
Ich eile zu ihr. Ich sage kein Wort, lediglich meine Hand versucht,
ihr Beistand zu vermitteln. Ich streichele ihren Rücken.
„Es tut mir so leid! Ich wollte Sie damit nicht belasten! Immer
heule ich Ihnen die Ohren voll. Es tut mir so leid!“
„Sie belasten mich nicht, Frau Blume. Dafür bin ich da. Aus
keinem anderen Grund.“
„Es tut so weh! So weh!“
Sie weint.
„Nie! Nie darf man eine Sache verschieben! Nie! Hören Sie?
Sie wissen nie, wann sich plötzlich alles ändert! Hören Sie?!“
Sie will, dass ich sie verstehe.
„Ja, Frau Blume, ich verstehe.“
Nach einer Stunde verlasse ich sie.
Klüger.
Theoretisch.
Aber auch praktisch?

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