Kein C02!


Es ist Freitag Mittag. Eiligen Schrittes gehe ich vom Hotel zu meinem Ziel.

Vom Kurfürstendamm zum Alexanderplatz.

Es ist kein kurzer Weg, aber ich habe etwas Zeit. Die Sonne scheint und ich lerne Berlin etwas näher kennen.

Der Fußmarsch führt mich auf die große, breite und fast unendlich lange Straße des 17. Juni.

Unter anderen Umständen wäre diese Straße sicher mit Autos übersät. Nicht so wie heute. Denn sie ist gesperrt. Kein Autoreifen berührt den Asphalt. Nur Fahrräder.

In weiter Ferne sehe ich Menschen. Mein Ohr vernimmt ein Geräusch, dass man heute fälschlicherweise Musik nennt.

Was ist da los? Eine Demonstration? Ausgerechnet heute?

Hinter mir höre ich plötzlich Kinderstimmen.

„ Kein Co2! Kein Co2!“, rufen sie.

Immer wieder. „Kein Co2! Kein Co2!“

Ich laufe immer schneller. Meine Augen beobachten die Masse aus Menschen, die ich jetzt erreiche.

Sie ist jung. In der Mitte steht ein Junge auf einem Wagen. Er motiviert. Aus seinen Boxen dröhnt soetwas wie Musik. Plötzlich wird es still und er schreit durch´s Mikrophon:

„Eine Demonstration muss Spaß machen!“

Die Masse antwortet mit einem lautem „Jaaa“

„Und macht Euch die Demonstration Spaß?!

„Jaaa!“

Meine Schritte werden immer schneller. Ich fühle mich nicht wohl.

Ich sehe Menschen in gelben Westen. Sie verteilen Zeitungen. Ich lese, was gut zu lesen ist.

„Das größte Problem ist der KAPITALISMUS!“

Wieder gibt es das größte Problem. Wieder zeigt man mit dem Finger. Und wieder sind sich alle einig. Es sind stets die anderen. Die Schuldigen. Dabei dachten wir, wir seien schon klüger als die Bewohner unserer Geschichte.

Eine neue große Gruppe kommt uns entgegen. Offensichtlich gibt es einen Treffpunkt.

Auch diese Gruppe hat einen Anführer. Er sitzt auf einem Wagen. Aus seinen Boxen hagelt es von lauten Tönen.

„Da kommen unsere Freunde aus dem Norden! Lasst sie uns grüßen!“

Die Masse brüllt. Laut. Vielleicht ein „Hallo“, oder so ähnlich.

Meine Beine gehorchen meinen Instinkt, sie wollen hier raus.

Meine Augen hingegen folgen meiner Neugier, denn sie beobachten.

Sie sehen Plastikflaschen in den Händen. Currywürste. Handys. Die Masse findet sich unwiederstehlich schön. Sie fotografieren. Sich. Ständig.

Eine Familie mit drei Kindern kommt mir entgegen. Sie sind klein. Das älteste keine sieben. Das eine Kind weint und schreit.

„Ich muss mal!“ Der Vater schleift es wortlos weiter.

Ich lese was auf seinem Plakat steht.

„ Die Erde ist wie Bier. Warm ist es scheiße!“

Ich komme endlich zum Brandenburger Tor. Aber ich kann nicht durch. Alles ist gesperrt.

Einen Ausweg muss es doch geben! Ich finde ihn.

Auf der anderen Seite strömen die jungen Leute aus allen Richtungen.

Ein Bettler sitzt auf der Straße. Keiner sieht ihn. Warum auch? Die Rettung der Erde ist heute angesagt.

Im Hintergrund höre ich die Animateure, wie sie die Masse mit Parolen anheizen.

Die Masse antwortet auf seine Peitschenhiebe.

Und ich laufe, laufe und laufe.

Und Frage:

Was geschieht hier?

Eigentlich?

Leave a comment

Ihre E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.