Kulturschock


Ich sitze an einem Tisch. In einem edlen Herrenhaus. Die Sonne scheint. Es ist Herbst. Goldener Herbst. Die Natur gibt noch einmal alles und nährt das Auge mit all ihren Farben.

Um mich herum sitzt eine kleine Gesellschaft. Eine Hochzeitsgesellschaft.

Ihre Sprache ist nicht identisch. Einige kommen aus Ungarn, andere aus Deutschland.

Ich bin die Sprachbrücke.

Neben mit sitzen die Ungarn. Eine Familie mit zwei Söhnen. 12 und 14.

Sie alle tragen einen Schlips und einen Anzug.

Mir fiel es nicht auf. Doch plötzlich beugt sich der Vater der beiden Söhne, auch in Schlips und Anzug, zu mir und fragt auf seine zurückhaltende Art:

„Darf ich dich mal was fragen?“

„Ja klar!“, antworte ich.

„Sag mal, tragen die deutschen Männer immer so etwas, wenn sie zur Hochzeit kommen?“

Ich schaue die deutschen Männer an.

„Hm, ich glaube, das ist die Tendenz heute.Ja, ich glaube, dass gilt langsam als normal.“

„Ja, so würde ich mich auch besser und freier fühlen als mit diesem Schlips.“ Hier hält er kurz inne. Er überlegt. Dann sagt er:

„Aber es ist doch eine Hochzeit, da kann man doch nicht mit Jeans und Turnschuhen und halb offenem Hemd erscheinen. Ich hab´das schon vor dem Standesamt gesehen, dass die anderen Gäste alle so komisch gekleidet sind, und ich dachte, sie ziehen sich noch um. Aber so sind so geblieben. Das verstehe ich nicht. Das passt doch gar nicht! Ich dachte, hier in Deutschland würde man darauf achten.“

Ich schaute ihn an und wusste nicht so recht, was ich antworten soll. Und ich weiß auch nicht, ob sein Denken altmodisch ist oder nicht? Ich selbst beobachte die Tendenz hin zur Schlendrian- Kleidung schon lange. Als normal empfinde ich es nicht. Noch nicht.

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