Macht des Bildes


Immer dieser Pascal!

Ich weiß nicht, wie es anderen Menschen geht, doch ich erkenne meistens ziemlich genau, welches Bild mein Gegenüber über mich hat.

Dazu bedarf es keiner großen Fähigkeit.

Jeder, der sich und sein eigentliches Verhalten kennt, kann das.

Jeder, der sich und sein eigentliches Verhalten kennt, wundert sich dann ab und zu, warum er sich in der Nähe eines bestimmten Menschen immer so anderes verhält. So, wie er sich eigentlich gar nicht verhalten würde. Normalerweise. Doch dieser andere Mensch hat ein Bild über uns, und wir stecken in diesem Bild. Fest. Kommen nicht heraus und egal was wir machen, stets gewinnt das Bild. Des anderen. Das ist Fatal. Für den, der im Bild feststeckt.

Ein Beispiel.

Es ist Montag Abend. Ich telefoniere. Mit einer Lehrerin. Es geht um unser gemeinsames Projekt: Alt und jung singen und dies gemeinsam.

Wir besprechen alles Wichtige.

Als wir dann mit dem formellen Teil fertig waren, begann sie über die Kinder, die dieses Jahr irgendwie ganz besonders sind, zu klagen. Die Kinder könnten sich nicht konzentrieren. Sie wären extrem unruhig. Kurz: es gab nichts Gutes zu berichten.

Zur Antwort gab ich immer nur ein: „Schlimm!“ oder „ Was soll nur aus uns werden!“. Auf meine, diese Antworten bin ich, ich muss gestehen, nicht sehr stolz. Sie zeugen von Plapperei.

Zwei Tage später hatten wir die Probe. Die Kinder kamen. Sie waren laut. Das ist aber, so glaube ich mich noch erinnern zu können, normal. Kinder sind laut. Am Anfang. Dann ändert sich das. Das ist auch normal. Leider.

Als die Probe aber anfing, waren die Kinder erst ruhig und konzentriert. Eine Minute lang. Dann wurde es langsam unruhig.

Die Lehrerin war nicht allein mit den Kindern. Sie waren zu zweit. Als Betreuung.

Plötzlich vernahm ich immer wieder den Namen Pascal. Pascal sollte endlich ruhig bleiben. Pascal sollte endlich aufhören. Pascal sollte endlich die anderen in Ruhe lassen. Pascal sollte endlich still stehen. Pascal sollte sich bitte an einen anderen Tisch setzen. Endlich? Nun saß Pascal allein. Die beiden erwachsenen Lehrer, ich sah sie, unterhielten sich. Über Pascal. Ihre Gesichter trugen das dunkle Gewand der Empörung. Doch Pascal hatte seine Strafe bekommen. Nun sollte es ruhiger werden. Eigentlich. Denn es war ein ganz anderer, der für Unruhe sorgte. Nicht Pascal. Doch er wurde bestraft. Die Empörung galt ihm.

Die Probe neigte sich dem Ende. Endlich durften die Kinder gehen. Pascal auch.

Die Lehrerin kam zu mir und sagte:

„Es tut mir leid, dass es etwas unruhiger war heute. Es ist immer dieser Pascal! Schlimm!“

Ich sagte nichts. Aber ich wusste, Pascal war es nicht und er wird es nie beweisen können. Denn er steckt im Bild, das man einst über ihn schuf, fest. Das ist Fatal.

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