„Manchmal beneide ich die Toten“


„Manchmal beneide ich die Toten.“

Diesen Satz hörte ich neulich von einer Bewohnerin eines Elternheimes.

Es ist ein Satz, den ich nicht zum ersten Mal höre.

Und es ist ein Satz, der mich nie unerwartet trifft aber mich immer verstummen lässt.

Denn was soll ich sagen?

Normalerweise müsste ich versuchen, sie von diesem Gedanken zu befreien.

Doch wie soll ich das anstellen?

Soll ich, wie so viele andere auch, sagen:

„Ach Frau Blume, sagen Sie doch so etwas nicht!“

Oder soll ich so tun, als hätte ich dieses Gebet gar nicht gehört?

Und vom Thema ablenken?

Und über das Wetter reden?

Oder soll ich sagen:

„Ich kann Sie verstehen, Frau Blume.“

Kann ich das? Ich stehe mitten im Leben. Sie nach ihrem Leben.

Wie kann ich sie verstehen?

Soll ich mit ihnen über ihre Leben reden und beim Abschluss helfen?

Wozu?

Ist doch der Abschluss schon längst geschehen.

Soll ich weiter fragen?

„Warum beneiden Sie die Toten?“

Die Antwort kenne ich.

Sie wollen nicht mehr leben, denn ihr Leben ist schon längst vorbei. Sie leben im erloschenem Herzton, der solange piept, bis endlich jemand die Maschine abschaltet.

Ich muss gestehen: ich bin überfordert.

Tag täglich überfordert.

Mit der Wahrheit.

Mit der Wahrheit derart pseudosozialer Einrichtungen und Worte, mit der Wahrheit unseres Wirkens, mit der Wahrheit unserer Richtung, mit der Wahrheit unserer Ignoranz.

Es ist zum verrückt werden.

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