Mehrfach fragte man mich, warum ich denn solche Geschichten schreibe


Mehrfach fragte man mich, warum ich denn solche Geschichten schreibe?

Unter „solche Geschichten“ meinten sie meine Geschichten aus den Altenheimen.

Auf diese Frage mit einem Satz zu antworten ist mir schier unmöglich.

Denn ich verfolge mit diesen Geschichten die unterschiedlichsten Ziele.

Ich könnte fast sagen, mit jeder einzelnen Geschichte verfolge ich ein anderes Ziel.

Eines meiner wichtigsten Ziele ist es aber, dem Leser einen Einblick in eine Welt zu gewähren, die er noch nicht kennt. Aber fast sicher kennenlernen wird.

Es ist die Welt der alten Menschen, die ihr Leben gelebt haben und nun einsam und verlassen vor der größten Aufgabe des Lebens stehen. Vor dem Sterben.

Es ist die Welt der alten Menschen, die ihr Leben gelebt haben und uns, den jungen und jüngeren Menschen noch viel zu sagen hätten.

Es ist die Welt der alten Menschen, die ihr Leben gelebt haben und nun den wirbelnden Launen anderer Menschen gnadenlos ausgesetzt sind.

Es ist eine Welt, die wir meiden.

Leider.

Aber es ist eine geduldige Welt, denn sie wartet auf uns.

So und so.

Nein, ich erhoffe mir nicht, dass wir nun plötzlich alle wieder die Weisheit des Alters erkennen.

Nein, ich erhoffe mir auch nicht, dass die Quarantäneeinrichtungen für alte Menschen an Menschlichkeit gewinnen.

Ich kenne die Tendenz.

Ich erlebe sie täglich.

Von außen betrachtet.

Noch.

Noch kann ich nach Ablauf meiner Tätigkeit nach Hause fahren und mein Leben leben.

Noch kann ich sagen: „Die armen Leute da drin.“

Noch kann ich das sagen.

Aber es ist eine geduldige Welt, denn sie wartet auf uns.

Was ich mir aber erhoffe ist, dass die Leser dieser Geschichten kurz inne halten und nachdenken.

Über sich und ihr Leben.

Über die Wurzeln ihrer Prioritäten, die sie täglich leben.

Ich erhoffe mir, dass die Leser wenigstens für einen Augenblick nachdenken.

Nachdenken über die Welt, in der sie leben.

Aber ich weiß, dies Ziel ist zu hoch angesetzt.

Das wohl bekannte Leben verfügt über eine viel zu große Wucht und lässt sich im gesunden und gutem Zustand durch nichts in andere Bahnen lenken. Und schon gar nicht durch irgendwelche Geschichtchen.

Leider.

Aber vielleicht gibt es doch noch Leben, die agierend und nicht nur reagierend denken.

Vielleicht gibt es diese.

Vielleicht.


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2 thoughts on “Mehrfach fragte man mich, warum ich denn solche Geschichten schreibe

  • Uschi Germer

    Liebe Susanna, Du schreibst wirklich sehr schön über ein sehr trauriges Thema! Das Problem ist in unserer Gesellschaft, dass viele Menschen meinen, manche Probleme würden sie niemals betreffen. Aber alles hängt zusammen und wir sind füreinander verantwortlich. Ich erlebe das auch immer wieder, wenn ich mit Menschen im Gefängnisumfeld arbeite. Jeder glaubt, dort kommt er nie hin. Und die, die da drin sind, sind immer nur selber Schuld. Und sollen damit jetzt irgendwie zurecht kommen. Aber, wir sind alle verantwortlich und so finde ich es auf jeden Fall schön, wie Du Deine Arbeit machst. Und wie Du darüber schreibst. Es regt wirklich nocheinmal zum Denken an. Und bringt Dinge auf den Punkt. Danke dafür! Uschi

    • Susanna M. Farkas Post author

      Liebe Uschi, ich danke Dir für Deine Zeilen!
      Es ist für mich immer eine wahre Freude, wenn mir ein Mensch eine Botschaft hinterlässt!!!
      Schön, dass Du mich und all die alten Menschen mit ihrem Leben besucht hast;-)
      Alles Liebe
      Susanna