Morgens um halb zehn in Deutschland


Alles geschah an einem Freitag.

Ich sitze in meinem Auto und merke, dass ich endlich mal tanken sollte.

So fahre ich auf die nächste Tankstelle zu und stelle geschickt meinen Wagen zum Tanken bereit.

Ich steige aus, öffne hinten die Tür, nehme meine Tasche, öffne die Tankkappe und führe den Schlauch ein. Ich warte. Heute tanke ich mal nur für 20Euro, oder doch für 30? Ich entscheide mich für die 30Euro. Ich starre auf den Zähler. Gleich ist es soweit. Es müssen exakt 30Euro werden. Nicht 29,98 und auch nicht 30, 01! Langsam pirsche ich mich an mein Ziel heran. Schritt für Schritt, Cent für Cent und Halt! Ich hab´s geschafft! Ich habe für exakt 30Euro getankt! Stolz mache ich meine Tankkappe wieder zu. Schaue noch einmal nach der Nummer meiner Zapfstelle. Ich drehe mich um und sehe jetzt erst, dass hinter mir ein Auto steht. Ein Mann sitzt auf dem Beifahrersitz und beobachtet mich.Verlegen ergreife ich die Flucht und eile mit großen Schritten zur Kasse.

Ich öffne die Tür und sehe sofort die Kassiererin, die hinter ihrer Plexiwand steht und mit großen und erschrockenen Augen den Mann, der vor ihr steht, anstarrt. In mir läuten sofort alle Alarmglocken. Hier stimmt was nicht. Ich stehe hinter dem Mann. Er ist groß, stark gebaut, ungefähr 35Jahre alt, er hat einen Rücken so breit wie ein Fußballfeld und seine Ohren ruhen ruhig. Ja, seine Ohren springen mir sofort ins Auge. Kein Wunder, denn während unsere vom Tragen der Masken die wundersamsten Formen und Figuren annehmen, protzen seine vor Leichtigkeit und Freiheit. Ich kombiniere schlagartig. Der besorgte Blick der Verkäuferin und die unverschämt frei schlackernden Ohren können nur eines bedeuten. Keine Maske.

Unweit von ihm steht ein kleinerer, älterer Herr. Seine Körperhaltung, die einem Hahn vom Kampf gleicht, bestärkt mich nur. Nun bin ich mir ganz sicher, etwas stmmt hier nicht. Sollte ich mich von meinem Leben verabschieden? Ich stehe wie angewurzelt und warte. Worauf eigentlich?

Plötzlich höre ich den breiten Rücken reden. Er ist kein Deutscher, dass höre ich sofort. Sein „r“ ist hart wie Stahl. Sein „p“ springt wie ein Pingpong Ball durch den Raum, sein „sch“ wirft alle Flaschen um und sein „a“ kommt aus dem Keller.

„Ihrr atmet doch alles wiederr ein…durrsch Maska…ihrr…“

„Nein, Sie sind es, der die ganzen Bazillen hier durch die Luft pustet!“ meldet sich der aufgebrachte Hahn, während er mit seinen Händen wild vor sich hin und her wedelnd, zu Wort. Das wir seit über einem Jahr von einem Virus und nicht von einem Bazillus und erst recht nicht von Bazillen reden, scheint dem netten Herren im Eifer des Gefechts wohl abhanden gekommen zu sein.

„Isch pusten garr nischts! Ihrr mit Maska…ihrr…atmet alles ein und wiederr aus! Ihrr…!“ Seine Stimme brodelt, ich höre den Vulkan, der kurz vorm Ausbruch steht.

„Ach bleib endlich ruhig und hau ab! Geh doch dahin wo deine Mutter herkommt! Du…!“ Dieser Satz wird nicht ganz beendet.

Unweigerlich ziehe ich meinen Kopf ein, denn ich fühle mich getroffen. Getroffen von einem Wort, von einem Inhalt, das nicht ausgesprochen wurde und in dieser durchaus fertigen aber nicht in Buchstaben gegossenen Form, also unsichtbar und doch klar spürbar, auf seine Entfaltung wartend im Raum steht.

Plötzlich wird es still. Das Unausgesprochene bleibt seiner vernichtenden Natur treu. Es gewinnt schlagartig an Größe und Kraft. Es raubt uns den Atem. Ich bin froh, dass ich gleich bei der Tür stehe. Ein Sprung und ich bin draußen, kalkuliere ich. Doch ich bewege mich nicht, stehe weiterhin wie angewurzelt da. Meine Gedanken aber gehen ihre eigenen Wege. Sie nutzen die sich bietende Chance und stellen Fragen. An wen?

Wie lange eigentlich noch? Wie lange brauchen wir noch, bis wir keinen Unterschied mehr machen zwischen Mensch und Mensch? Sind wir Menschen überhaupt fähig dazu? Fähig dem anderen offen zu begegnen? Oder sind wir damit überfordert? Ist das Verlangen, oder die Forderung nach der Anerkennung der Gleichheit aller Menschen uns überhaupt möglich? Entspricht das unserer Natur, unserer Art? Ist es ein artgerechter Gedanke, den wir da von uns fordern? Oder überfordern wir uns damit? Und was geschieht, wenn sich ein Mensch zu lange überfordert?

Noch immer meinen Gedanken horchend merke ich plötzlich, wie sich der große Mann wütend umdreht. Ich schaue ihm nicht ins Gesicht. Mit donnernden Schritten eilt er an mir vorbei und knallt hinter sich die Tür zu. Er ist weg!

Ich bin erleichtert. Eilig bezahle ich meine exakt 30Euro und verlasse fluchtartig den Laden. Ich setze mich in mein Auto, zünde das Auto und im Radio ertönt das Lied „Mensch bleibt Mensch“. …

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