Noch


Die folgende Geschichte aus meinen Buch „Heimgeschichten-alt und im Abseits; Gespräche mit alten Menschen“ war schon immer aktuell, doch in der heutigen Zeit, in der vieles, was wir eigentlich gar nicht so richtig sehen wollten, aufgedeckt wird, gewinnt es an Kraft. Wir haben alle dazu beigetragen, dass alles so kommen musste, wie es gekommen ist. Es waren und sind unsere Bequemlichkeit, unsere Feigheit und unser enges Leben, dass sich stets um sein eigenes Wohl und Glück dreht, die unsere Welt zu dem gemacht haben, was sie ist. Zerstört.

„Noch

Ich sitze auf einer Bank.
Ich sitze auf einer Bank mit einem älteren Herrn. Die Sonne
scheint. Wir unterhalten uns.
„Aber Herr Wichert, haben Sie damals wirklich nichts gewusst?
Haben Sie wirklich nichts von den KZ´s gewusst?“
„Nein.“
„Nichts? Sie müssen doch gewusst haben, dass die Juden abtransportiert
wurden. Das müssen sie doch alle mitbekommen haben!“
„Nein, das haben wir aber nicht. Wir konnten uns das einfach
nicht vorstellen. Wir konnten uns diese Grausamkeit einfach
nicht vorstellen! Wir konnten nicht so weit denken. Erst in der
Gefangenschaft, als die Engländer uns Dokumentarfilme zeigten,
da begriffen wir. Aber selbst da dachten wir erst, es seien Propagandafilme
der Engländer. Wir konnten das einfach nicht als
Wahrheit akzeptieren.“

Ich schweige.
Ich versuche zu verstehen.
Ich suche Vergleiche.
Die wir heute kennen.
Ich möchte mit dem Aufzählen nicht beginnen.
Wir können es nicht glauben.
Doch es geschieht.
Und wir wissen davon.
Doch: Wir können es nicht glauben.

Noch.“

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