Rezension „Perlmanns Schweigen“ von Pascal Mercier


Zähfließend und glühend

„Philipp Perlmann war es gewohnt, dass die Dinge keine Gegenwart für ihn hatten. An diesem Morgen jedoch war es schlimmer als sonst….Dort drinnen, an den Tischen aus glänzenden Mahagoni, würde es geschehen. Sie würden ihn, der vorne saß erwartungsvoll ansehen, und dann, nach einer gedehnten, unerträglichen Stille und einem atemlosen Stocken der Zeit, würden sie es wissen: Er hatte nichts zu sagen.“

So lautet der erste Abschnitt einer Geschichte, die einem schweißtreibenden Alptraum gleicht.

Philipp Perlmann, ein angesehener Sprachwissenschaftler, ist mit einer Gruppe von berühmten Kollegen zu einem Forschungsaufenthalt. Durch den hohen Erwartungsdruck, der auf ihn, als Gastgeber und Leiter, lastet, wird Perlmann von der fixen Idee gequält, dass ihm seine beruflichen Gewissheiten völlig abhanden gekommen sind. Er glaubt nichts mehr zu wissen und ist sich auch nicht sicher, ob er überhaupt je etwas konnte. Seine Kollegen werden zu bedrohlichen Gegnern, ohne das ein tatsächlicher Angriff stattfindet.

Durch die Flucht nach innen gerät Perlmann mit jeden Tag mehr in eine ausweglose Situation, die ihn schließlich in einen Strudel von Lügen und an den Rand eines Mordes treibt.

Was wird passieren? Wie findet er aus diesem Dickicht, wenn überhaupt, wieder raus?

Der Roman „Permanns Schweigen“ beschreibt das „Innenleben“ eines verzweifelten und panisch nach einem Ausweg suchenden Menschen. Es ist das Leben eines Menschen, der um den Verlust seines Gesichtes bangt. Es ist das Gesicht des hervorragenden Wissenschaftlers Perlmann, den alle bewundern, der immer funktioniert und brillant in seinen Gedanken ist. Doch hinter diesem erworbenen Gesicht kristallisiert sich ein anderes heraus, eines, dass sich zeigen will. Es ist der Mensch Philipp Parlmann, jenseits der Wissenschaft, jenseits seiner wissenschaftliche Veröffentlichungen.

Es sind 600 Seiten, die es auch für den Leser zu überwinden gilt, denn der Leser selbst gerät mit jeder zusätzlichen Seite, in den dunklen, klebrigen Sog des Alptraumes. Am liebsten würde man an manchen Stellen das Buch zuschlagen und sagen: „Das kann man doch nicht aushalten!“ In der Tat sind viele Passagen nicht auszuhalten. Nichts will klappen, alles, was schief laufen kann, läuft schief. Ereignisse, bei denen man denkt:“ Nein! Nicht auch das noch!“ gibt es zu Genüge. Oft genug wundert man sich über Perlmanns Gedankengänge. Glaubt, dass es so ein, das Ich langsam und qualvoll zermürbendes Innenleben, gar nicht geben kann.

Ohne Zweifel, der Roman ist wie er sein muss: zähfließend und glühend. Er lässt sich nicht leicht lesen und er macht sich im Leben des Lesers breit, denn er verlangt und fordert viel Zeit und Geduld. Nicht nur mit dem Buch! Auch mit sich selbst. Sprachlich ist er ein Hochgenuss. Des Autors Liebe zur Sprache, deren Feinheiten und Tiefe ist in jedem seiner Sätze unüberhörbar.

Der Roman ist ein großartiges Buch für jeden, der eine Leidenschaft für die menschliche Psyche hat, denn das Buch gleicht einer Studie eines Menschen, der mit sich um sich kämpft und ringt. Kein Einzelfall.

Hoch interessant und zum Nachdenken stiftende Passagen waren jene, in denen es um die Sprache als solches ging. Bemerkenswerte Thesen und Gedanken rund um die Sprache würzen des Buch mit einem zusätzlichen, kühleren, für jeden wissbegierigen sehr nahrhaften Geschmack.

Leave a comment

Ihre E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.