Rezension zu „Heimgeschichten-alt und im Abseits“


„Susanna Farkas bringt in ihrem Buch alles sehr pointiert auf den Kern dieses Elends.
Es sind Schnappschüsse, wie kurze Videos, aus ihrer Tätigkeit als Sängerin bei Auftritten in solchen Heimen, aus ihrer Zeit als Helferin oder Seniorenbegleiterin in verschiedenen Seniorenresidenzen. Es ist keine Geschichte, kein Roman. Mehr ein Stenogramm, ein Mittschnitt, ein Festhalten von Momenten im Dahinvegetieren alter Menschen auf dem Abstellgleis, das „Heim“ genannt wird. Es sind die sich ständigen Wiederholungen sinnloser Verrichtungen ohne Perspektive, ohne Sinn, das Totschlagen der wertlosen Zeit, in dem teilweise vorhandenen Bewusstsein, überflüssig und nutzlos zu sein. Das ständige Warten auf ein kleines, neues Ereignis, sei es noch so belanglos, das Warten auf die Mahlzeiten, die Nacht und den nächsten Morgen, der nur eine Wiederholung des vorherigen ist. Das Hoffen, dass die Kinder zu Besuch kommen, die keine Zeit haben oder schon tot sind, die freudige Erwartung auf den Briefträger, auch wenn er nur ein Werbeprospekt bringt. Letztlich das Warten auf den Tod. Sie dokumentiert es wertfrei mit gelegentlichen Fragen an sich selbst, neutral, selbsterklärend, erschreckend wirklich und echt.
Auch wenn man mit den Verhältnissen in solchen Heimen vertraut ist, sind die Dialoge erschütternd und führen einem das Grauen brutal vor Augen, das alte Menschen hier, größtenteils sicher unbewusst, erleben. Sie spüren sehr wohl tief in ihrem Inneren, wie überflüssig sie sind, wie sinnlos ihr Leben geworden ist, wie sehr sie anderen und sich selbst zur Last fallen, die Hoffnungslosigkeit, die Qual, alt und hilflos, verwirrt und desorientiert zu sein, nur noch dahinzuvegetieren wie ein unnützes, krankes altes Tier, das allerdings mehr Humanität erfährt.
Man sollte sich nicht blenden lassen, wenn Prospekte oder Videos ein fröhliches Leben vorgaukeln, in dem lustige alte Menschen voller Lebensfreude Gesellschaftsspiele veranstalten, Vorträgen lauschen und ihr Dasein als lebenswert und glücklich preisen. Was wirklich in ihrem Inneren vorgeht, bleibt uns weitgehend verborgen. Ich habe genügend alte Menschen kennengelernt, die sich einfach nur nach einem baldigen Tod sehnen und dies auch mir gegenüber geäußert haben in ihren lichten Momenten. Ich möchte nie in solch einer Anstalt die letzten Tage verbringen. Wann kommt endlich der Tag, an dem wir umdenken, an dem wir unsere Alten wieder in unserer Mitte leben lassen statt in Ghettos, wann der Tag, da nicht alles medizinisch mögliche auch gemacht werden muss. Wann der Tag, an dem wir unsere Eltern und Großeltern in Würde sterben lassen, wie es ihnen gebührt, wie es für uns bei unseren geliebten Haustieren selbstverständlich ist.
Ich empfehle dieses Buch nicht nur ausdrücklich allen Menschen, die vor der Entscheidung stehen, was aus ihren Alten, die ihnen ihr Leben gewidmet haben, wird, sondern jedem, der auch schon mal an sein eigenes Alter denkt.“

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