Rezension zu Philippe Claudels Buch Monsieur Linh und die Gabe der Hoffnung


Eine Geschichte wie eine Porzellanpuppe

Es gibt Romane- dicke, dünne, kurze, lange, spannende, langweilige, sprachlich geschliffene und weniger reife. Fast alle gestatten es, über sich zu schreiben. Fast alle gestatten es, sich einfangen zu lassen. Aber es gibt doch immer wieder Ausnahmen. Ausnahmen, die, je mehr man nach ihnen greift, scheu entfliehen. Zu diesen wenigen Exemplaren gehört dieses Buch.

Die Geschichte selbst ist unkompliziert und schnell beschrieben. Ein alter Mann flieht aus seinem kleinen, völlig zerstörten Heimatdorf und landet in einer fremden Großstadt, deren Sprache er nicht spricht und dessen Lebenstempo er nicht folgen kann. Er begegnet einem Mann und die beiden werden Freunde, obwohl sie sich sprachlich nicht verstehen können. Aber sie fühlen einander. Sie fühlen des anderen Not und Leid, Hoffnung und Bange. Sie sehen und verstehen sich mit der Sprache des Herzens. Mit der Sprache, die bekanntlich (oder auch nicht) keine verwirrende Buchstaben und keinen Mund braucht, um exakt verstanden zu werden.

Aber was macht diese kleine, einfache Geschichte so großartig, so ergreifend?

Was mir beim Lesen sofort auffiel, waren die sehr klaren, fast schon kindhaften und somit schutzlosen Sätze mit denen Philippe Claudel seine Geschichte mit vorsichtiger Hand flocht. Hätte er statt dieser geschliffene und monumentale Sprachgebäude benutzt, so wäre die Geschichte im Wirrwarr der vielen dekorativen Worte untergegangen, genau wie der alte Mann im Chaos der Großstadt mit ihren viel zu hektischen Leben und viel zu vielen Ereignissen dem Untergang nahe stand.

Ja, es ist der gewählte Stil, der dieses Buch so großartig macht. Ja, es sind die kurzen Sätze, die trotz ihrer Kürze eine ergreifende Melodie ergeben und ja, sie sind es, die den Leser in ihrer Klarheit direkt ansprechen und mit dem alten Mann eine unerwartet intensive Bindung eingehen lassen.

Philippe Claudel ist mit diesem Büchlein ein Meisterwerk gelungen. Ich habe selten so ein stilles Buch mit so einem intensiven Echo gelesen.

Leave a comment

Ihre E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert