Rezension zum Buch „Das Gewicht der Worte“ von Pascal Mercier


Der Roman „Das Gewicht der Worte“ ist nicht nur ein Buch.
Der Roman „Das Gewicht der Worte“ ist nicht nur eine Handlung.
Der Roman „Das Gewicht der Worte“ ist so vielschichtig, wie Wörter es oft sein können.
Und genau das ist das Meisterhafte.

Betrachtet man die inhaltlich Schicht, so geht es um einen Mann Namens Simon Leyland, der seit seiner Kindheit von Sprachen fasziniert ist und er gegen den Willen seiner Eltern zum Übersetzer wird. Von London folgt er seiner Frau Livia nach Triest, wo sie einen Verlag geerbt hat. Hier, in Trier, arbeitet Leyland erst als Übersetzer und nach dem plötzlichen Tod seiner Frau übernimmt er die Führung des Verlages. Mehrere Jahre steht er an der Spitze, bis ihn ein ärztlicher Irrtum aus der Bahn wirft und diese vermeintliche Katastrophe zu einem Wendepunkt, an dem er sein Leben in London noch einmal völlig neu einrichten kann, wird.

Die nächste Schicht wirft große Fragen auf.
Was bedeutet Leben? Was ist wichtig im Leben? Wie oder was verändert sich das Leben im Angesicht des Todes? Was bedeutet es ein eigenes Leben zu haben? Was bedeutet Heimat oder zu Hause zu sein? Ist die Heimat ein Ort? Oder befindet sich unsere Heimat in uns. Bei uns? Was ist und was kann die Sprache? Was ändert sich, wenn man die Sprache ändert? Wenn man sein Leben mal in dieser, mal in jener Sprache lebt? Ist es dann ein anderes Leben? Und ist es noch das Selbe?
Leyland ist Übersetzer. Ein Mensch, der die Sprachen, die Sprache liebt, aber immer nur die Gedanken anderer übersetzt. Wo aber ist seine Sprache? Wo aber sind seine Gedanken? Wo ist seine Eigenheit? Wo ist er in all seinen Übersetzungen?
Große Fragen sind das. In erster Linie an uns, den Leser. Denn sind wir uns wirklich sicher, dass wir unser und nicht nur ein Spiegelleben führen? Sind wir uns sicher, dass wir selbstbestimmt leben. Unsere eigenen Worte sprechen und nicht nur nachsprechen? Was uns andere diktieren? Wo sind wir in unserem Leben? Wo ist unsere Stimme? Unser ganz eigener Ton? Kennen wird den? Wie hört er sich an?
Leyland startet sein Leben neu. Doch ist dieser Neubeginn der Startschuss, eine Forderung endlich zu sich und somit zu seiner eigenen Stimme zu finden. Für ihn bedeutet dies, dass er versuchen muss, etwas Eigenes zu schreiben. Bedeutet es, sich von den Vorgaben anderer zu lösen um den Weg ohne Geländer gehen zu können. Für ihn bedeutet es schöpferisch tätig zu sein. Seine eigenen Figuren zu finden. Sein wahres Ich in den Figuren zu ent-hüllen.

Die nächste Ebene ist die sprachliche.
Die Ebene, die die Tiefe der großen Fragen mit einer wohl klingenden Melodie, komponiert aus den erlesenen Worten, umarmt. Es ist für jeden, der die Welt der Worte liebt, ein Hochgenuss zu lesen.

Es geschieht in dem Roman nicht viel. Nein. Es gibt keine lauten und schrillen Höhepunkte. Es steckt nicht voller Aktion und Hektik. Nein, dieses Buch ist still und leise. Lediglich kleine und verborgene Seelenregungen sind es, die sich in Leyland aber auch in den anderen Protagonisten ereignen. Scheinbar kleine Entfaltungen die dann letztendlich zur größten Verwandlung, der sich ein Mensch unterziehen kann, führen. Zur Verwandlung vom Schein zum Sein. Vom Geschöpf zum Schöpfer.
Es ist für alle, die sich vor den großen Fragen des Lebens nicht scheuen ein großartiges Lese- und Nachdenk-Erlebnis und Ereignis und zwar vom ersten Satz bis zum Letzen. Von erste „Welcome home, Sir“ bis zum letzten „Welcome home, Sir.“

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