Rosarot


Welten kommen und gehen. Alles ändert sich und bleibt doch irgendwie und irgendwo gleich.

Eine dieser schwindenden Welten ist die der Operette. Für alle, die keine Ahnung haben, ob die Operette eine Speise oder ein Gegenstand ist, dem soll gesagt sein, dass die Operette etwas mit Musik zu tun hat. Eine Operette ist eine Geschichte ( meist Liebesgeschichte) die nicht vorgelesen sondern gesungen wird. Ein Orchester, also viele Instrumente umgarnen diese gesungene Liebesgeschichte mit ihren, mal wehleidigen mal kämpferischen Klängen. Die Operette endet, so weit ich weiß, immer mit einem Happy End. Die Liebenden finden nach langem hin und her zueinander. Das kann dem Leben fremd wirken. Das stimmt.

Die Operette war die Mutter des kräftigen Kindes namens Musical.

Trotzdem oder gerade deswegen hatte die Operette nur ein sehr kurzes Leben. Sie starb so zu sagen kurz nach der Entbindung.

Gründe dafür gab es zur Genüge. Eines davon war, dass die Operetten gern etwas kitschig wirkten. Die Musik selbst enthält oft weniger Dichte, als die der Oper. Die Operette schmeckt wie ein leichter Rosewein den man gemütlich auf der Terrasse sitzend, von sommerlichen Düften umarmt vor sich hin nuckelt. Fast jeder, der klassische Musik mag, zeigt der rosaroten Welt der Operette die kalte Schulter. Immerhin nehmen sich ernste Menschen sehr ernst. Dazu passt die Farbe rosa einfach nicht.

Dabei waren zum Beispiel die Librettisten der alten Schule gar nicht mal so dumm. Nicht so, wie die Textschreiberlinge der Moderne, die unter heroischen Anstrengungen einen einzigen, meist komplett sinnfreien Satz großartig gebären und damit ein ganzes Lied füllen. Füllen, indem sie dem offensichtlich begriffsstutzigen Zuhörer diesen einen grandiosen Satz solange immer und immer wieder vorkreischen, jaulen und johlen, bis wir endlich begriffen haben, dass es einen Stern mit meinem Namen gibt den ich atemlos erreichen kann. In der Nacht.

Die Librettisten der untergehenden Welt hingegen ließen die Kehlen der Sänger Gedanken singen wie:

„Oh jag´ dem Glück nicht nach auf meilenfernen Wegen,

hold lächelnd tritt es Dir von selber schon entgegen,

Im eignen Herzen such´s nicht in der Weltgetriebe

Das Glück wohnt überall, denn überall wohnt Liebe.“

Oder

„ Blick´doch um Dich mit klaren frohen Augen,

Dann macht auch Dir die die Welt ein froh´s Gesicht.

Hei, wozu soll´n denn die Grillen taugen,

Es ändert sich Dein Schicksal dadurch nicht.

Wozu in ungewisse Ferne eilen,

Es führt Dich in Gefahr des Irrlichts Schein.

Wo man Dich liebt, nur da darfst Du verweilen,

Wo man Dich liebt, da wirst Du glücklich sein.“

Beispiele gibt’s genug. Nicht nur diese zwei.

Wer die Text liest, wird erkennen müssen, dass viele heutigen Bücher mit genau eben diesen Botschaften gefüllt sind, bzw. die eine oder andere Zeile als Motiv wählten. Vielleicht sind sie kitschig. Vielleicht. Aber das ändert nichts an der Tatsache, dass es genau diese Gedanken sind, die uns in der Krise herbeieilen und ihre helfende Hand ausstrecken. Schade, dass die Welt der Operetten und mit ihr auch andere untergehen. Übrig bleiben nur noch Gefühle, die Schweigepflicht haben weil man tausendmal belogen und betrogen wurde.

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