Scham


Scham

„Ich habe meinen Vater jahrelang gepflegt. Ich war immer da für ihn, habe wirklich alles versucht, bis ich dann einfach nicht mehr konnte.“

Die sicheren Gesichtszüge des kräftigen Mannes erweichen plötzlich.

„Verstehen sie! Ich habe alles versucht, aber ich konnte einfach nicht mehr weiter. Ich war am Ende meiner Kräfte. Es ging nicht mehr! Ich musste ihn hierher in das Heim bringen.“

Er schweigt.

„Wissen sie, ich wohne gleich hier in der Nähe und ich komme jeden Tag zu ihm. Jeden Tag! Manchmal sogar zwei Mal. Ich gehe mit ihm spazieren, esse mit ihm, lese ihm vor…Aber glauben Sie mir, die Schuldgefühle lassen nicht nach. Immer und immer wieder frage ich mich, ob ich ihn einfach nur loswerden wollte. Wie Müll, einfach entsorgen. Ja, sie wundern sich, aber ich empfinde es so, denn manchmal war ich wirklich wütend auf ihn. Auf sein Gejammer, auf seine Unfähigkeit mir zu helfen, einfach auf alles! Wenn ich schon seine Stimme hörte, ballte ich meine Faust.“

Plötzlich hält er inne. Sein Blick wird kalt und hart.

Ich schweige.

„Wissen sie, manchmal hätte ich auf ihn einschlagen können! Dann musste ich immer raus aus seinem Zimmer, denn sonst hätte ich es vermutlich getan. Ich schäme mich dafür. Man kann doch seinen eigenen Vater nicht schlagen…aber ich war so oft, so nahe dran! So nahe! Das ist schlimm. Aber was sollte ich machen? Warum konnte ich mich nicht zusammen reißen und ihn verstehen? Warum diese Wut und Hass auf ihn, auf seine Vergesslichkeit?“

Die knappen Tränen, die seine strengen Augen entlassen, brechen sein Gesicht.

„Ich schäme mich so sehr.“, sagt er leise und geht zu seinem Vater, der die ganze Zeit im Rollstuhl saß und den Namen seines Sohnes schrie.

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