Schreibtraining


Unglück im Glück

Der Fernseher lief. Es war Samstag kurz vor acht. Klaus saß in seiner grauen Unterhose auf dem uralten Sofa und schaute gebannt auf den viel zu kleinen Bildschirm. Eine Beschäftigung, die ihm nicht all zu fremd war, denn eigentlich saß er immer auf seinem Sofa. Jeden Tag. Jeden Abend. Doch wer Klaus genauer beobachtete, der konnte ganz klar einen Unterschied zwischen seiner sonst so laschen Montag bis Freitag Körperhaltung und der Samstaghaltung erkennen. Denn der Samstag Abend war sein Tor zu einem viel besserem Leben. Zu einem Leben jenseits seiner Plattenwohnung und jenseits seiner finanziellen Nöte. Dieser Abend war seine Chance endlich frei zu sein.

Voller Spannung lauschte er, wie eigentlich jeden Samstag, den Worten der hübschen Moderatorin.

„Die Lottozahlen lauten 5,8,16,25 und 26. Die Zusatzzahl lautet 5“

Wer wünscht sich das nicht, was jetzt mit Klaus geschah. Wie oft träumen wir davon! Endlich raus aus den Nöten und Sorgen. Endlich tun und lassen was man will und wo man will. Kaum einer kann sich diesem Wunsch entziehen. Ja, Klaus hatte Glück. Aber vielleicht auch nicht. Wer weiß. Wir aber wissen, dass Klaus aufsprang und schrie:

„Gewonnen! Gewonnen! Das darf nicht war sein! Hörst Du Uschi, wir haben gewonnen! Gewonnen! Wir sind reich! Reich Uschi!Nie mehr Arbeit suchen, nie mehr den anderen in den Arsch kriechen. Uschi, wir haben gewonnen!“, schrie Klaus und sprang in seiner grauen Unterhose wie von einer geheimen Kraftquelle geladen hin und her.

Uschi glaubte natürlich ihren Ohren nicht.

„Was sagst Du da Klaus ? Wir haben gewonnen?“

„Jaaa! Gewonnen!“, frohlockte Klaus.

Von der unglaublichen Wucht dieser Nachricht erschlagen taumelt Uschi zum Sofa.

„Was ist Uschi?! Freust Du Dich denn nicht? Verstehst Du was das bedeutet? Wir haben 3,7 Millionen gewonnen. Wir können uns alles leisten. Alles!!!“

Uschi versuchte sich zu freuen. Sie gab sich wirklich alle Mühe, doch all ihre Freude schien bei Klaus gelandet zu sein, denn Klaus freute sich für zwei.

„Mensch Uschi! Huhu! Wie sind reich! Wir können uns alles leisten! Alles was wir nur wollen!“, jauchzte Klaus.

„Ja, aber was alles, Klaus?“, hörte sich Uschi plötzlich fragen.

„Na, einfach alles! Alles! Alles, was Du nur willst. Alles, was wir wollen!“

„Aber Klaus, was wollen wir denn alles?“, fragte Uschi leise.

„Jetzt sei doch kein Spielverderber, Uschi!“, zischte Klaus ihr entgegen.

Nein, Uschi war keine Spielverderberin. Sie gehorchte Klaus und so zogen die beiden los, und leisteten sich alles. Nachdem sie sich zwei Jahre lang alles leisteten, ereignete sich folgendes.

Der Fernseher lief. Es war Samstag kurz vor acht. Klaus saß in seiner weißen Unterhose auf seiner viel zu großen Couchgarnitur und starrte auf die Riesenleinwand. Eine Beschäftigung, die Klaus nicht all zu fremd war, denn eigentlich saß er immer auf seiner großen Couchgarnitur. Jeden Tag. Jeden Abend. Doch wer Klaus genauer beobachtete, der konnte ganz klar einen Unterschied zwischen seiner sonst so laschen Montag bis Freitag Körperhaltung und der Samstaghaltung erkennen. Denn der Samstag Abend war sein Tor zu einem noch viel besserem Leben. Zu einem Leben jenseits seiner Villa und jenseits seiner finanziellen Nöte, denn wie wir wissen, ist eben immer alles relativ. Dieser Abend war seine Chance endlich noch freier als frei zu sein.

Voller Spannung lauschte er, wie eigentlich jeden Samstag, den Worten der hübschen Moderatorin.

„Die Lottozahlen lauten 8,10,13,21 und 36. Die Zusatzzahl lautet 7.“

Kann es sein, dass Klaus erneut gewonnen hat? Nein? Zu unwahrscheinlich? Was wäre aber, wenn wir ihn wieder gewinnen lassen würden? Wie würde er wohl reagieren? Würde er sich freuen? Was würde er noch alles wollen? Welche Farbe trüge dann seine Unterhose? Gülden?

Das ist doch Unsinn! Würden Sie vielleicht sagen. Und: Man kann nicht freier als frei sein; man kann nicht glücklicher als glücklich sein; man kann nicht alles mit Geld erkaufen! Mehr, mehr und noch mehr! Das ist doch Unsinn! Wo soll denn das hinführen?

Ja, genau das frage ich Sie auch.

Wohin soll das noch führen?

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