Schuldgefühle


Kaum hat das neue Jahr begonnen, schon lehrt es mich.

Hart.

Ich wollte es so.

Die ersten Tage, bis einschließlich heute, wurden geprägt durch meinem Hochleistungssport als Verkäuferin in der kleinen Bäckerei gleich nebenan und einer aufziehenden Erkältung.

Beides sind keine Besonderheiten. Viel schuften muss jeder. Krank wird auch jeder.

Aber nicht jeder ist Sängerin und hat in drei Tagen einen Auftritt vor über 500 Leuten. Ich schon. Somit ist eine Erkältung, die sich ausgerechnet jetzt breit macht, ein ziemliches Problem, denn sie greift auch die Stimme an.

Das ist übel.

Doch nicht das ist das eigentliche Problem.

Nein.

Viel erkenntnisreicher und somit schlimmer waren die Schritte, die zu meinem heutigen Zustand führten.

Denn jeder normale Mensch, der weiß, welch wichtiger Termin auf ihn wartet, wäre zum Arzt gegangen. Jeder hätte sich geschont. Hätte an sich gedacht. Oder nicht?

Ich nicht. Ich arbeite in einem Team und lasse die anderen nicht im Stich!

Nun, am Ende der vielen quälenden Stunden frage ich mich aber: wen oder was habe ich mit meinem Handeln eigentlich tatsächlich in Stich gelassen?

Es ist erstaunlich, wie unglaublich schwer es ist, eine stets gesunde Balance zwischen sich als Individuum und sich als Gruppenwesen zu finden. Ich scheitere immer wieder an diesem Punkt. Denn entweder stelle ich mich zu 100% in den Dienst der anderen, oder überhaupt nicht. Einen Mittelweg kenne ich nicht. Diese Beobachtung führte mich direkt zu der Frage nach dem „Warum“. Warum passiert mir das und was ist der Köder, den ich immer wieder, früher oder später schlucke. Die Antwort ist nicht erstaunlich. Ich glaube, sie kennt fast jeder. Es sind die Schuldgefühle, es ist die Angst vor diesen.

Zweifels ohne hat ein Team, hat die Teamarbeit seine Vorteile. Irgendwo.

Aber sie hat auch gewaltige Nachteile.

Und erst recht dann, wenn das Personal, angepasst an die Enge der Moderne, extrem knapp bemessen ist. Jeder Ausfall führt zu einer Extrembelastung. Der anderen. Und wer will das den anderen zumuten? Wer will aus, wie in meinem Falle, präventiven Gründen zu Hause sitzen und wissen, dass die anderen nun noch mehr schuften müssen?

Einige sind dem erhaben und kümmern sich nicht um die anderen. Ich nicht.

Und ich glaube, viele andere sind es auch nicht. Viele opfern sich und ihre Gesundheit. Den anderen. Und unter „anderen“ verstehe ich nicht nur die Kollegen. Nein. Die Anderen haben tausend Gesichter. Mal trägt es das Gesicht der Familie, mal die Fratze der Bank…

Die wenigsten wollen schuldig sein. Keiner will dem anderen schulden müssen. Denn die Schuld ist ein elendiger Quälgeist, der sich nicht so leicht vertreiben lässt.

Auf diesen wunden Punkt des erzogenen Menschen lässt sich sehr gut bauen.

Auch heute noch!

Ich kann nur hoffen, dass mein zu intensiver Blick auf das Wohl der anderen nicht einen zu hohen Preis fordert.

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