Frohe Weihnachten


Morgen ist es soweit! Endlich! Ich freue mich auf Weihnachten, auf die freien Tage, die ich haben werde. Aber noch stehe ich hinterm Tresen in der kleinen Bäckerei. Noch bin ich Verkäuferin. Es ist 16Uhr. Draußen ist es schon dunkel.

Die Kunden haben ihre letzten Einkäufe erledigt. Endlich kehrt Ruhe ein. Nur noch ein älterer Herr sitzt an einem der Tische. Er sitzt immer dort. Jeden Tag kommt er hierher, in den Laden. Immer gegen 16Uhr. Immer mit seinem Fahrrad und immer nimmt er sich einen Becher Kaffee und immer bleibt er bis zum Feierabend. Manchmal sogar länger.

Wir, die Verkäuferinnen sind nicht immer begeistert von seiner Anwesenheit. Warum? Weil er fast immer schrecklich stinkt.

Der ganze Laden riecht, sobald es kommt, schlagartig nicht mehr nach Brötchen und Kuchen, sondern nach einem extrem ungepflegten Menschen. Wer diesen Geruch schon einmal erlebt hat, der weiß, wovon ich gerade schreibe.

Doch wir alle suchen den Kontakt zu ihm. Reden mit ihm. Lachen mit ihm, denn wir alle ahnen: dieser Mensch kann aus irgendeinem Grund sein Schicksal nicht ertragen.

Es ist 16Uhr30. Ich fange mit den Feierabendvorbereitungen an. Endlich. Meine Freude wächst. Plötzlich höre ich aber den älteren Herren „Ich hasse Weihnachten!“sagen.

Schlagartig verlasse ich meine dienende, stets freundliche Rolle als Verkäuferin und sage ernst:

„Ja, ich weiß.“

Hier schweigen wir. Der ältere Herr schaut zum Fußboden. Seine Trauer durchflutet den ganzen, weihnachtlich hübsch geschmückten Laden. Das Telefon klingelt. Ich eile zum Hörer, notiere die Bestellung für Silvester. Natürlich Berliner.

Ich gehe wieder zurück in den Laden.

„Haben Sie die Kerze gerade angezündet?“, frage ich auf die brennende Kerze auf seinem Tisch schauend.

„Ja.“, sagt er. „Darf ich das nicht?“

„Oh doch!“, sage ich lächelnd. „Sie dürfen.“

Lächelnd schaut er zur Kerze, nimmt vom Weihnachtsgesteck etwas Tannennadeln und streut sie in die kleine Flamme. Still beobachte ich den Wandel in seinen Augen. Es sind Erinnerungen. Bilder aus längst vergangenen Zeiten. Aus Angst, diesen süßen Duft der Erinnerung zu zerstören, wage ich mich nicht zu rühren. Es sind nur wenige Sekunden, aber sie waren da. Für ihn.

Ein Kunde betritt den Laden. Er hat es eilig, kann sich aber ewig nicht entscheiden, was er nun genau haben möchte.

Diese Zeit nutzt der ältere Herr. Mühselig richtet er sich auf, kramt aus seiner Hosentasche einen 10Euro Schein hervor und gibt ihn mir. Ich gebe ihm sein Restgeld und wir verabschieden uns.

Der andere, noch immer suchende Herr fühlt sich von unserem gegenseitigen„Tschüss“ angesprochen und ruft dem älteren Herren noch ein „Frohe Weihnachten“ zu. Er meint es gut. Doch den älteren Herren treffen diese Worte wie ein Schlag. Ich sehe wie er vor Schmerz seinen Kopf einzieht. Dann verschwindet er im Dunkeln.

Mit dieser Geschichte wünsche ich allen eine schöne Weihnachtszeit und ich wünsche, dass wir auch an die Menschen denken, die gerade in dieser Zeit niemanden an ihrer Seite haben. Aber irgendwann mal hatten.

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