Zugabe!


Es ist laut hier in der Aula. Um uns rennen, hüpfen, schreien hunderte von aufgeregten, zum Teil kostümierten Kindern.

Das Weihnachtskonzert der Grundschule beginnt gleich.

Drei Tage waren die Kinder in der Seniorenwohnanlage zum Singen, jetzt sind die Senioren in der Schule.

Mit jeder Sekunde werden es immer mehr Kinder die aus den unterschiedlichsten Kursen entlassen werden und nun in die Aula gerannt kommen. Die Eltern der vielen Kinder sind auch schon da.

Wir stehen auf der Bühne. Meine Augen suchen nach Reaktionen.

Es ist eigenartig. Vor ein paar Tagen bestand unser Publikum ausschließlich aus alten, festlich gekleideten Menschen und nun hocken gleich hunderte Kinder, und stehen Eltern in ihren Alltagsklamotten vor uns.

Still beobachte ich die alten Menschen. Frage mich, was sie wohl denken. Denn sie bilden mit ihrer festlichen Kleidung und ihren weißen Haaren die Minderheit. Prüfende und fragende Blicke haften auf ihnen. Sie sind fremd. So und so.

Ich beobachte und lausche diesem unsichtbaren aber klar spürbaren Dialog der Blicke.

Die Kinder sind neugierig und fragen: Wer bist du?

Die Erwachsenen sind verwirrt und fragen: Was wollen die hier?

Die Alten sind selbstsicher und sagen: Kommt ihr erst einmal in unser Alter!

Dann erfolgt die Begrüßung. Die Musiklehrerin lüftet das Geheimnis und erklärt, warum diesmal auch alte Menschen mit auf der Bühne stehen.

Die Eltern verstehen langsam den Sinn und die Aussage, die dahinter steht. Verstehen, dass es um ein Gemeinsam geht.

Wir singen die ersten drei Lieder.

Dann müssen wir von der Bühne. Für viele der Senioren ein mühseliger Akt. Die drei kleinen Stufen werden zu einer großen Hürde. Aber die Kinder reagieren. Sie versuchen zu helfen.

Das Konzert erlebt nun eine ungewollte Pause, denn die reservierten Plätze für die alten Menschen stehen nicht gleich neben der Bühne. Die paar Schritte bis zu den Stühlen fordern viel Kraft.

Dann geht es weiter im Programm.

Wir erleben ein lustiges Weihnachtsmärchen, hören Kinder „In der Weihnachtsbäckerei“ singen, sehen Weihnachtswichtel auf der Bühne tanzen.

Die Kinder im Publikum sind unruhig. Immer wieder wird um Ruhe gebeten. Vergebens. Auch die Eltern unterhalten sich. Laut. Einige haben es eilig. Fragmente, die mein Ohr vernimmt verraten mir, dass einige noch zur Arbeit müssen. Abends um 19Uhr.

Mein Blick richtet sich erneut auf die alten Menschen. Andächtig und voller Spannung schauen sie zur Bühne. Lachen, wenn es was zu lachen gibt. Der Glanz in ihren Augen gleicht dem der Kinder.

Das Konzert endet mit einem Weihnachtslied, dass alle anwesenden Kinder und wir können. Es ist ein kurzes Lied, aber wir singen es immer und immer wieder bis es fast der ganze Saal singt:

„Da ist im Dunkeln, ein helles Funkeln. Da ist ein Leuchten in der Nacht.

Da ist ein Singen, ein helles Klingen, denn in der Krippe liegt das Kind.

Da ist im Dunkeln, …“

Als wir aufhören herrscht für einen ganz kleinen Moment Stille. Absolute Stille.

Ich glaube, das war Weihnachten.

Und ein Großteil der Kinder schreit plötzlich: ZUGABE! ZUGABE! ZUGABE!

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