Zwei Seelen wohnen ach in meiner Brust


„Und ein Schriftgelehrter trat herzu und sprach zu ihm: Meister, ich will dir nachfolgen, wohin du auch gehst!

Und Jesus sprach zu ihm: Die Füchse haben Gruben, und die Vögel des Himmels haben Nester, aber der Sohn des Menschen hat nichts, wo er sein Haupt hinlegen kann.“ (Matthäus 8.19-20)

Mein Name ist Susanna M. Farkas.

Ich bin ein „weder noch“ Mensch.

Ich bin zweisprachig, oder wie man es klüger sagt: bilingual aufgewachsen.

Ich fühle mich in zwei Sprachen, in zwei Welten zu Hause und trotzdem heimatlos.

Ich bin weder im Tick noch im Tack beim Ticken der Uhr. Ich bin in der Pause, also genau dazwischen.

Es gibt für uns keine Bezeichnung, weder Tick noch Tack sondern Ticktack. Das gibt es aber nicht.

Ich bin ein Mensch, der immer irgendwie zwischen den Seilen schwebt.

Ein Mensch, der in zwei Welten denkt und lebt, diese vereint und hofft somit ähnlich denken zu können, wie die anderen, die „nur“ eine Sprache leben.

Ein unmöglicher Versuch.

Ich suche meine Heimat, kann sie aber nicht finden, denn es gibt sie nicht.

So nicht.

Es gibt kein Land, das meines ist. Weder Ungarn noch Deutschland.

Als Kind sehnte ich mich nach Ungarn, denn da bin ich geboren, das ist meine Heimat. Dachte ich. Fühlte ich.

Mit 17 verließ ich dann Deutschland und ging nach Ungarn, in meine Heimat. Ich hoffte zu Hause sein zu können. Doch ich war es nicht. Ich war fremd.

In meiner eigenen Heimat fremd.

Der deutsche Philosoph Peter Fröhling sagte einmal: „ Der Vogel kehrt zurück, sucht sein altes Nest und findet es wieder. Der Mensch aber kehrt zurück, erblickt sein Vaterhaus und findet nicht mehr heim.“

Wonach sehnen wir uns eigentlich?

Wonach hatte ich Heimweh?

Nach meiner Familie? Nach der Sprache? Nach den Menschen? Ja, wonach?

Habe ich mich getäuscht? Waren all meine schönen Bilder, die ich über meine Heimat einst so hegte und pflegte nicht nur ein Traum eines Kindes?

Eines Kindes, dass sich fremd fühlte und eine Ideal-Heimat erfand um überleben zu können? In der Fremde?

Sind wir Menschen wirklich so schutzbedürftig? So bedürftig, dass wir uns panzern müssen mit vielen „Meins“? Meine Heimat, meine Familie, mein Vater, meines Mutter, mein Haus, mein Kind, mein Auto, mein Geld, meine Sprache, mein Land.

Was wäre, wenn wir all das nicht hätten? Kein „Meine Eltern“, kein „mein Haus“, meine „Sprache“? Könnten wir so leben? So nackt.

Kann der Mensch ohne Heimat leben?

Ja, er kann.

Rastlos.

Ruhelos.

Getrieben von Heimweh nach einer Heimat, die es so nicht mehr gibt.

Immer auf der Suche nach seinem eigenen aber verlorenem Gesicht.

Millionen sind betroffen davon.


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2 thoughts on “Zwei Seelen wohnen ach in meiner Brust

  • Sylvia Schöningh-Taylor

    Nein, liebe Susanna, der Mensch braucht eine Heimat. Auch der Höhlenmensch brauchte sie schon.
    Was du beschreibst, diese ewige Suche nach Heimat, hat in Wirklichkeit gar nichts zu tun mit Geographie.Aber alles mit der Suche nach einem geistigen Ort IN DIR SELBST, wo nichts mehr gespalten ist, weder in Ungarisch noch Deutsch, noch in Frau oder Mann, noch in Geliebte oder Single, noch in Alt oder Jung, noch in Vegetarier oder Carnivore etc. Die Suche wird vorangetrieben vom Leiden an der tiefen Gespaltenheit des Menschen.
    Und das ist gut eingerichtet vom Leben. Denn nur wenn du an der Gespaltenheit leidest, machst du dich auf die Suche nach deiner Ganzheit. Die ist von Anfang in dir angelegt. Du kannst jedoch nur durch geistige Arbeit zu ihr gelangen, wie z. B. durch diesen Blog.
    Die geistige Arbeit setzt da an, wo wir an der inneren Dissoziation leiden, dem Zwischenraum, wie du das nennst. Wenn ich dein Uhrenbild nehme als Sinnbild für dein ganzes Menschsein. Dann ist dein Wesen die ganze Uhr, jeder Moment, das Tick, Tack usw sind nur winzige Momente im Wunderwerk Uhr. In diesem Verständnis ist alles was du erlebst, Gegenwart.
    Da aber, wo du leidest – erlebst du etwas aus der Vergangenheit, deinem Unbewussten, das von etwas angetriggert wurde und was irgendwann abgespalten wurde ( Trauma, Ahnenthemen etc) Indem du durch diese Erfahrung in Liebe durchgehst, kannst du das Abgespaltene integrieren, und damit deiner Ganzheit ein kleines Stück näher kommen.
    Du hast ja mein Buch KARMA EXPRESS gelesen und erinnerst dich, worum es mir auch hier geht.
    Nur wenn wir die Welt bedingingslos umarmen mit allen Facetten und gerade mit unseren Schattenfiguren, kommen wir irgendwann in unsere inneren Heimat an.
    Love,
    Sylvia

    • Susanna M. Farkas Post author

      Liebe Sylvia, ich danke Dir für Deine Zeilen. Du hast Recht. Einerseits. Doch ich frage Dich, wie bist Du aufgewachsen?
      Wo bist Du geboren?
      Worübder Du schreibst hier in Deinem Kommnentar und in Deinem Buch KARMA EXPRESS steht jenseits der in meinem Text geschilderten Problematik.Du schreibst über eine andere Heimat. Über unser aller HEIMAT. Ich nicht. In diesem Text zumindest.
      Ich schreibe über die zwei irdische Welten, in denen ein Mensch lebt, wenn er in zwei Sprachen das atmen gelernt hat.
      Ich frage Dich Sylvia, wie und wo bist Du aufgewachsen? Dort, wo Du als Sylvia zur Welt kamst, oder fern davon?
      LG
      Susanna alias Zsuzsanna