Am Freitag machte ich Musik in einer Seniorenwohnanlage.
Schon bei meiner Ankunft spürte ich, wie so oft in letzter Zeit, dass das Publikum nicht offen war. Die Menschen waren größtenteils noch recht fit, doch im Raum lag eine Unzufriedenheit, die ich von früher nicht kannte. Noch vor zehn Jahren erlebte ich ältere Menschen anders. Sie freuten sich eher über das, was man ihnen anbot. Heute dagegen habe ich immer häufiger das Gefühl, dass es gar nicht nur um die Musik geht. Die Unzufriedenheit scheint viel tiefer zu sitzen.
Die heute 75- bis 80-Jährigen gehören zu den Ersten, die bereits mit der Vorstellung gelebt haben, jeder Mensch müsse sein eigenes Leben finden und verwirklichen. Das Leben sollte nicht nur gelebt werden – es sollte einen Sinn haben.
Aber was ist, wenn es diesen einen großen Sinn gar nicht gibt?
Vielleicht macht uns gerade die ständige Suche danach unglücklich. Wir glauben, unser Leben müsse eine besondere Bedeutung besitzen. Wir müssten unsere Berufung erkennen, unsere Möglichkeiten ausschöpfen und am Ende sagen können: Genau dafür war ich hier.
Doch viele Menschen finden diese Antwort nicht. Und dann glauben sie, sie hätten versagt. Sie hätten nicht intensiv genug gesucht, nicht mutig genug gelebt oder ihre Chancen nicht richtig genutzt.
Dazu kommt die Behauptung, jeder könne alles erreichen, wenn er es nur wirklich wolle. Bleibt der Erfolg aus, soll der Wille nicht stark genug gewesen sein. Doch das stimmt nicht. Nicht alles ist für jeden Menschen möglich. Aus einem Fisch wird kein fliegender Vogel – auch dann nicht, wenn er es sich noch so sehr wünscht und sich bis zur Erschöpfung anstrengt.
Jeder Mensch bringt andere Voraussetzungen mit. Herkunft, Begabungen, Gesundheit, Erfahrungen, äußere Umstände und auch der Zufall bestimmen mit, welche Wege offenstehen. Der Wille allein kann diese Grenzen nicht einfach aufheben.
Vielleicht waren frühere Generationen nicht grundsätzlich glücklicher. Aber möglicherweise waren sie weniger mit der Frage belastet, ob ihr Leben außergewöhnlich, erfolgreich oder sinnvoll genug sei. Sie lebten, arbeiteten, liebten, stritten, versorgten ihre Familien und nahmen vieles hin. Das mag manchmal zu viel Anpassung gewesen sein. Doch sie mussten ihr Leben nicht ständig rechtfertigen und nach einem tieferen Sinn durchsuchen.
Vielleicht liegt der Sinn des Lebens nicht darin, ihn zu finden. Vielleicht gibt es gar keinen vorgegebenen Sinn.
Vielleicht genügt es, zu leben. Einen Augenblick zu genießen. Einen Menschen gernzuhaben. Etwas zu tun, das einem entspricht. Und anzuerkennen, dass wir nicht alles werden und nicht alles erreichen können.
Das wäre keine Niederlage. Es könnte eine große Entlastung sein.Glaube ich.