Gedanken zu Florian von Rosenbergs Buch „Die beschädigte Kindheit, Das Krippensystem der DDR und seine Folgen“
War meine Kindheit beschädigt, nur weil ich in die ersten fünf Jahre meines Lebens in einer Wochenkrippe verbringen musste?
Schaut man auf die klassischen Wochenkippenfotos, mit den freundlich in die Kamera lächelnden Erzieherinnen, so denkt man: das war doch ganz nett in den Einrichtungen. Die Kinder alle beisammen, warmes Essen, Spielsachen, nette Erzieherinnen.
Ein schwarz-weiß Bild, das rosa wirkt, das Wärme, Geborgenheit und Sicherheit verspricht. Da ich fast keine Erinnerung an meine Wochenkrippenzeit habe, glaubte ich jahrelang diesem Friede-Freude-Eierkuchen Bild. Zwar lächelt auf diesem, meinem inneren Abdruck der Vergangenheit kein einziges Kind, aber trotzdem muss es doch irgendwie ganz nett gewesen sein.
Sicherlich ahnte ich, dass diese Jahre ihre Gravuren hinterließen und auch heute noch wirken, aber ich glaubte, ich könne diese Spuren wegwischen bzw. ausradieren. Denn was soll denn schon so schlimm gewesen sein? Natürlich fehlte mir meine Mutter, fehlte mir mein Vater, unsere Wohnung, Sicherheit, Wärme und alles, was ein Kind eigentlich braucht, aber jeder von uns kann diesen Mangel überwinden. Man muss nur wollen. So dachte ich. So kämpfte ich. Bis jetzt.
Denn nun bin ich 51 Jahre alt und mein Blick auf die Landschaft meines Lebens lässt mich erkennen, dass die Spuren, geboren aus brennender Sehnsucht, tiefer Angst, verwirrender Verzweiflung, Hemmung, Not, Unsicherheit, nie verschwunden sind.
Sie wirken. Sie bestimmen. Sie diktieren. Machtvoll! Ich drehe mich im Kreis, meide gewisse Situationen, fühle mich fremd, habe das Gefühl, ich schaute den anderen beim Leben zu, fühle mich klein, ausgeliefert, weltfremd, dumm, unsicher. Allein. Verlassen. Suchend. Einsam.
Die Jahre in den Anstalten, getrennt von meinen Eltern und ausgeliefert den Vorstellungen einer Ideologie haben nicht nur Spuren hinterlassen, sondern mich zur Spur werden lassen.
Fragt man mich heute, ob meine Kindheit beschädigt war, nur weil ich fünf Jahre in einer solchen Anstalt verweilte, so antworte ich: meine Kindheit war nicht nur beschädigt, sondern zerstört. Die Kunst ist es jetzt aus diesen Trümmern noch etwas überlebensfähiges aufzubauen. Das wiederum kann man nur, wenn man hinschaut, erkennt, anerkennt und bekennt.
Florian von Rosenbergs Buch „Die beschädigte Kindheit“ hat mir mit all seinen fundierten Fakten, Zahlen und Gedanken einen Einblick nicht nur in das Denken und Handeln der DDR gegeben, sondern auch in die ersten 5 Jahre meines Lebens. Das Buch hat mir zwar keine Erinnerung geschenkt, aber sehr wohl einige „jetzt verstehe ich“-Momente und diese Puzzleteile sind für uns, die wir in diesen Einrichtungen verharrten, wichtige Bausteine.
Ich wünsche diesem Buch das es a.) erst gelesen wird, bevor es be-oder gar verurteilt wird, b.) dass es auch anderen einen Einblick in seine Vergangenheit und somit Gegenwart gibt und dass es c.) so verstanden wird, wie es gemeint war: als eine objektive Darstellung einer Tatsache. Diese Einrichtungen haben in uns Kindern tiefe und entsetzliche Wunden hinterlassen. Das ist Fakt. Wer das leugnet, verleugnet sich.
Objektive Darstellung von jemandem, der nicht dabei war? Das bezweifle ich stark.
Unterernährte Kinder? Eine Lüge! In den Kinderkrippen gab es selbst gekochtes und kindgerechtes Essen; keine überwürzte Fertignahrung, „Chinapfanne“ und „Gyrosgericht“ wie heute.
„Keine Erinnerung an die Wochenkrippenzeit“, aber „brennende Sehnsucht, tiefe Angst…“ usw usf sind noch klar und deutlich erinnerlich?
Lassen wir uns nichts einreden. Wir werden hier alle manipuliert